Das ganz kalte Grausen

Da ich meistens nur im Bett zum Lesen komme und überdies dabei schnell einschlafe, lese ich gern Bücher, die nicht allzu lang sind, um überhaupt mal durchzukommen. Aber dann kommt es auch wieder vor, dass mir meine Göttergattin auf sachdienliche Hinweise von meiner Seite hin einen 940-Seiten-Wälzer schenkt und ich nicht wiederstehen kann - vor allem, wenn er von einem verdienten Schriftsteller wie Dan Simmons kommt. Simmons ist ja mittlerweile auch in Deutschland vielen ein Begriff; den meisten vielleicht als Science Fiction-Autor, aber er ist auch in mehreren anderen Genres zu Hause. Mit Simmons macht man eigentlich normalerweise nichts falsch; er pflegt einen eleganten, flüssigen Stil, der dennoch anspruchsvoll ist - kein Vergleich zu ähnlich seitenstarker trivialer Massenware à la Ken Follett oder so.
Das Buch, das ich nun in die Finger gekriegt hatte, heißt "The Terror" (in deutscher Übersetzung einfach "Terror", aber da ich das englische Original gelesen habe, kann ich zu dieser nichts weiter sagen, außer, dass ich nicht der Übersetzer hätte sein wollen). Wer jetzt an Osama Bin Laden denkt, liegt allerdings völlig daneben. "The Terror" ist ein historischer Roman über die Franklin-Expedition zum Auffinden der Nordwestpassage, also des Seewegs um Kanada herum vom Atlantik in den Pazifik. Die Expedition begann 1845 und endete 1848 - was man allerdings erst Jahre später erfuhr, als ein paar wenige Überreste des Desasters aufgefunden wurden. Die beiden Schiffe, mit denen Franklin und über 120 weitere Seeleute aufgebrochen waren, hießen "Erebus" und "Terror", und letzteres Schiff trägt seinen Teil zum Namen des Romans bei. Den Rest erledigt die Arktis.
Die Expedition ist schlecht vorbereitet: Man hat am falschen Ende (an der Qualität der Konserven) gespart, ist zu spät im Jahr aufgebrochen und nicht recht vorangekommen, leidet unter der unflexiblen Kommandoführung des aufrechten, aber wenig kompetenten Franklin, der dann auch noch frühzeitig, aber letztlich nicht früh genug, aus dem Leben scheidet und das Kommando dem Kapitän der HMS Terror, einem gewissen Francis Crozier hinterlässt. Dieser versucht zu retten, was zu retten ist, gibt schließlich (nach drei Wintern im Eis) mit den Überlebenden die Schiffe auf und macht sich auf den Weg nach Süden, um die rettende Zivilisation zu erreichen, die aber hunderte von Meilen entfernt liegt...
Crozier ist der Dreh- und Angelpunkt des Buches. Die meisten Kapitel sind aus seiner Sicht geschrieben, und er wird als derjenige dargestellt, der als einziger die Übersicht und die Autorität besitzt, um das wahnwitzige Unterfangen zu planen und durchzuführen. Doch auch er ist keineswegs ohne Makel. Erst nachdem seine Whiskyvorräte aufgebraucht sind und er einen schmerzhaften Entzug durchmacht, ist er in der Lage, voranzublicken. Und das dauert eben seine Zeit - wobei Zeit ein knappes Gut ist. Crozier gehört, anders als Franklin, nicht zur echten High Society - was ihn durchaus schmerzt. Andererseits erfahren wir, dass er auf manche Leute in der Mannschaft ebenso entrückt wirkt wie ein Franklin auf ihn selbst.
Zwischendurch werden andere Perspektiven eingenommen. Oft sind es die des Schiffsarztes Goodsir, der sozusagen seinem Namen gerecht wird und eine einigermaßen integre moralische Instanz darstellt. Aber auch andere Männer kommen zu Wort, manche ausführlicher, andere nur einmal, und nicht selten endet ein Kapitel tatsächlich mit dem Tod des Mannes, aus dessen Perspektive wir die Geschichte erleben.
Die Perspektive des großen Gegenspielers hingegen nehmen wir nicht ein - denn das ist die Arktis selbst, die Crozier einmal als den Teufel beschreibt. Die Temperaturen, die nie trocknenden Kleider, die schroffen Packeisfelder, auf denen man manchmal nur eine Meile am Tag zurücklegen kann, die Schneestürme, das Eis, das die Schiffe langsam zu zerdrücken droht, all das ist unerbittlich und bedrohlich und lehrt uns auf jeder Seite das Fürchten. Dazu kommen natürlich die obligatorischen Krankheiten wie Skorbut und Tuberkulose, außerdem müssen jede Menge Zehen und andere Körperteile wegen Erfrierungen amputiert werden, so dass Goodsir und die anderen Ärzte alle Hände voll zu tun haben. Die Beschreibung dieser widrigen Umstände ist in meinen Augen ein Meisterwerk, es geht einem richtig nahe und jeder Fetzen Bewunderung für die Menschen, die sich freiwillig solchen Naturgewalten aussetzen, weicht letztlich dem Kopfschütteln über ihre Hybris, es mit solch einem Gegner aufzunehmen. Auf nahezu jeder Seite des Buches lauert das Elend, und man sollte eine warme Decke in der Nähe haben, wenn man sowas liest.
All das wäre eine tolle, stimmige, packende und beklemmende Geschichte geworden, aber vielleicht "schon" nach 750 Seiten vorbei. Geradezu wie zum Beweis, dass er jedes Genre beherrscht, greift Simmons aber noch mal ganz tief in die Trickkiste und verbindet den historischen Roman mit einer Horrorgeschichte. Unsere wackere Mannschaft wird nämlich von einem gar schrecklichen arktischen Monster verfolgt, das einem überdimensionalen Eisbären ähnelt, allerdings über viel mehr Fähigkeiten verfügt und mit Vorliebe Offiziere frisst. Es durchschaut jeden Versuch, seiner habhaft zu werden und hat darüberhinaus einen feinen Sinn für Demütigungen und Demoralisierungen aller Art.
Nun wäre "The Terror" auch ganz ohne diesen Einfall ein großartiges Buch, und zu Beginn fand ich das Monster denn auch ein bisschen überflüssig. Aber für die Besatzungsmitglieder der beiden Schiffe ist es dennoch wichtig, denn die Arktis ist als Gegner nicht greifbar - was können die Männer schon gegen die Temperaturen unternehmen? Das Monster hingegen, auch wenn man es für den Leibhaftigen hält, kann man zu bekämpfen versuchen, man kann ihm auflauern, es jagen oder austricksen. Für die Moral wäre es großartig, das Ungeheuer zu erlegen, auch wenn man anschließend der unwirtlichen Umgebung immer noch schutzlos ausgeliefert wäre, und so setzen die Männer einiges daran, dieses Ziel zu erreichen. Diese Motivation ist wahrscheinlich einer der dramaturgischen Gründe, das Biest in die Geschichte einzufügen.
Doch selbst mit diesen Schrecken ist es noch nicht genug: Auch unter den Seeleuten gibt es einen, der aus Niedertracht und Eigensinn in erheblichem Maße zum Scheitern der Expedition beiträgt. Sogar für das Monster scheint das letztlich zu viel zu sein, was in einer besonders gelungenen Szene zum Ausdruck kommt.
Für Simmons muss das eine reizvolle Sache gewesen sein, aber keine einfache: Er hat offenbar die Originalnamen der Seeleute verwendet, obwohl man natürlich über die allermeisten der Männer nicht mehr als nur ihre Namen und ihre Aufgaben weiß. Sich da jemanden herauszugreifen und ihn als den Bösen hinzustellen, andere als die Guten, das ist schon eine mutige Sache. Auch baut Simmons weiteres Originalmaterial in seine Geschichte ein, etwa Briefe, die noch die Heimat erreichten oder die später gefunden wurden. Und an einigen Stellen war das keine einfache Sache. Kompliment auch dafür. Auf das Ende des Buches war ich speziell gespannt: Schließlich gibt es ja zumindest historisch betrachtet keine Hoffnung, andererseits zeigt Simmons jederzeit, dass er bereit ist, sich über reine Fakten hinwegzusetzung, und außerdem ist die Geschichte der Franklin-Espedition ohnehin eine der Spekulation gewesen. Also gibt es genügend Freiheiten, und die nutzt Simmons durchaus leidlich aus. Allerdings sind die letzten hundert Seiten oder so sicherlich die schwächsten des Buches (wobei ich mich hier auf einem ziemlich hohen Niveau beklage). Sie bestehen zu einem erheblichen Teil aus einem Exkurs in die Mythologie der Eskimos, in dem Simmons sich bemüht, möglichst viele exotisch klingende Begriffe einzustreuen. Das ist ein seltsamer Kontrast zu seiner sonst so fesselnden Schreibe, auch wenn es inhaltlich für den Fortlauf der Handlung durchaus relevant ist. Dennoch hat er sich in meinen Augen hier von seinen Stärken entfernt, und das fand ich ein bisschen schade. Fast machte es den Eindruck, als sei er mit seinem Handlungsplan mehr oder weniger durch und müsse jetzt noch ein paar Sachen unterbringen, vielleicht gar unter Zeitdruck. Hier wäre weniger vielleicht mehr gewesen. Die Höchstwertung für das Buch stand für mich aber ohnehin schon vorher fest, denn wer mich 800 Seiten lang unerbittlich fesseln kann, darf sich auch mal ein paar schwächere Passagen erlauben, und gelangweilt habe ich mich auch am Ende nicht.
Da es unter den LeserInnen vermutlich nur wenige gibt, die sich in der Arktis gut auskennen, sind die beiden beigefügten Karten unverzichtbar. Ich habe wirklich ständig zu ihnen zurückgeblättert, weil die geographischen Gegebenheiten eben eine große Rolle spielen, und ohne die bildliche Darstellung hätte ich da wohl erhebliche Probleme gehabt. Von mir aus hätten es auch noch eine oder zwei Karten mehr sein dürfen, aber insgesamt hat es doch ausgereicht.
Insgesamt ist "The Terror" ein absolutes Muss für LiebhaberInnen fesselnder Wälzer, die sich gern nebenbei ein bisschen gruseln. Simmons-Fans greifen ja schon automatisch zu.



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