Aktive Teilnahme an einem Vulkanausbruch

Als Deutschlehrer für ausländische Erwachsene weise ich meine SchülerInnen immer wieder gern darauf hin, dass gutes Deutsch ohne regelmäßiges Lesen kaum zu lernen ist (was natürlich auch für deutsche MuttersprachlerInnen gilt). Gelegentlich werde ich mal nach Buchtips gefragt, was mich sehr freut. Ganz selten kommt es hingegen vor, dass SchülerInnen MIR ein deutschsprachiges Buch empfehlen. Und da werde ich natürlich hellhörig. Von dem Buch, um das es hier gehen soll, hatte ich allerdings ohnehin schon gehört. Es handelt sich um Wladimir Kaminers "Russendisko".
Da ein guter Teil meiner SchülerInnen AussiedlerInnen sind, dachte ich mir, dass ich durch die Lektüre vielleicht ein bisschen darüber lernen könnte, was diese in Deutschland so bewegt. Stattdessen habe ich aber eher was darüber gelesen, mit welch einfachen Mitteln gute Literatur erschaffen werden kann.
Wladimir Kaminer kam kurz vor der Wende aus der Sowjetunion nach Berlin und ließ sich da nieder - zum Spaß, wie er schreibt, bevor er das auf "Neugier" korrigiert. Dort angekommen, schlug er sich mit allerlei kleineren Jobs durchs Leben. Mittlerweile ist er in der Berliner Kulturszene recht bekannt. Das, was er in den letzten anderthalb Jahrzehnten so erlebt hat, hat er in kurzen Episoden (meist drei bis vier Seiten - ciao-Artikel-Länge!) aufgeschrieben - und zwar auf Deutsch. Nun ist es sicherlich ein großes Wagnis, ein Buch in einer anderen als der eigenen Muttersprache zu verfassen. Aber Kaminer ist das prächtigst gelungen. Seine Sprache ist von großem Wortwitz geprägt, und obwohl manche Formulierungen etwas skurril wirken, sind es doch fast nie sprachliche Mängel, die das hervorrufen. Kaminers sehr direkter Stil wirkt unheimlich authentisch – zwar weiß ich nicht, ob wirklich alles die reine Wahrheit ist, was er schreibt, aber es gibt auch keinen ernsthaften Grund, daran zu zweifeln. Denn er zeigt uns, dass das Leben die besten Geschichten schreibt. Vieles, was wir bei ihm lesen können, ist uns in vergleichbarer Form auch in der Realität schon begegnet. Kaminer schafft es lediglich, unsere Aufmerksamkeit auf die Schönheit des Augenblicks zu lenken.
Das ist aber nicht nur literarisch verdienstvoll. Die Art, wie er sich durchs Leben schlägt, hat mich manchmal geradezu beschämt. Vielen Deutschen geht sein Lebensstil sicherlich völlig ab. Wir sitzen im Idealfall von der Schule bis zur erhofften Rente im gleichen Büro und machen ewig das Gleiche - im nicht so idealen Fall träumen wir davon oder warten gar einfach nur darauf, weil wir arbeitslos sind.
Kurzum, "Russendisko" ist keine große Literatur und auch nichts, was alle gelesen haben müssten, aber die meisten Geschichten sind spannender als diese Rezension, und spannender als fernsehen sowieso. Wer also mal nette Geschichten lesen möchte, auch ohne dafür bunte Smarties zu kriegen, und nebenbei herausfinden will, was in unserem Land so alles möglich ist, ist hier bestens aufgehoben. Viel Spaß!
P.S.: Der Titel dieses Artikels bezieht sich auf eine meiner Lieblingsstellen im Buch.



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