Von "The Road to Wellville", der in der deutschen Fassung als "Willkommen in Wellville" erschienen ist, hatte ich gar nicht allzuviel erwartet, weil nicht alles, was Boyle schreibt, genial ist und dieses Buch von den meisten Fans eher als Durchschnittskost angesehen zu werden schien. Ich erlebte allerdings eine positive Überraschung.
Für dieses Buch hat sich Boyle mal wieder einen realen Hintergrund geschnappt und literarisch aufgepeppt. Wer ihn kennt, weiß, dass seine Fantasie dabei manchmal ziemlich mit ihm durchgehen kann. Es ist also nicht unbedingt zu empfehlen, dieses Buch als Informationsquelle über die Kellog-Familie zu benutzen - Boyle ist Unterhaltung, zwar auf höchstem Niveau, aber eben auch nichts anderes.
Drei Handlungsstränge halten uns in Atem. Der erste handelt von Dr. John Harvey Kellogg, den Erfinder von Corn Flakes, Erdnussbutter und vielerlei anderen Gesundheitsprodukten. In einem riesigen Sanatorium in einer Kleinstadt in Michigan versucht er die durchgedrehte Elite Amerikas mit gesunder Ernährung von ihren diversen Zivilisationskrankheiten zu heilen. Dabei sieht er sich als Missionar, der der Menschheit Gutes tut. Allerdings geht er ziemlich weit, und allzuviel Spaß haben seine PatientInnen nicht. Dennoch wird er von vielen vergöttert und ist nahezu unangreifbar. In des Doktors Leben scheint es nur einen einzigen Schwachpunkt zu geben, und das ist sein mittlerweile erwachsener Adoptivsohn George, der nichts als Schwierigkeiten bereitet.
In des Doktors Schlepptau haben sich vielerlei zwielichtige Fabrikanten daran gemacht, den Boom mit gesunder Ernährung zu ihrem wirtschaftlichen Vorteil zu nutzen. Die meisten davon sind schneller wieder pleite, als Cornflakes in Milch aufweichen - aber alle träumen vom ganz, ganz großen Geld. Einer dieser windigen Geschäftsleute ist Charles P. Ossining, der es geschafft hat, einigen Schwerreichen ein paar Schecks abzuknöpfen und so mit einem noch windigeren Partner groß herauskommen will. Die Schwierigkeiten sind allerdings nicht zu übersehen - wie um alles in der Welt werden sellerieimprägnierte Cornflakes hergestellt?
Auf der anderen Seite steht Will Lightbody, dessen Frau seit langem ein großer Fan des Doktors ist und die sich in dem Sanatorium pudelwohl fühlt. Diesmal schleppt sie eben sogar ihren Mann mit, der seit einiger Zeit mit Drogenproblemen zu kämpfen hat. Will selbst ist allerdings von seiner Milchdiät weniger begeistert als von der drallen Schwester Irene, die ihm die Klistiere setzt. Aber die Schwester hält ihn an der langen Leine, und seine Frau ist ja auch noch da. Diese wiederum treibt sich mit den fürchterlichsten Fanatikern und Scharlatanen innerhalb und außerhalb des Sanatoriums herum, mit denen Will rein gar nichts anfangen kann. Frust kommt auf, und gefrustete, schwerreiche Leute sind ein gefundenes Fressen für Charles P. Ossining...
Das soll erst mal reichen. Die einzelnen Kapitel begleiten jeweils einen der drei erwähnten Männer durch die Geschichte. Das ist ja erst mal nichts ungewöhnliches. Schön ist aber, dass keiner der drei Handlungsstränge gegenüber den anderen abfällt, sondern jeder einzelne wirklich spannend ist. Mit Charles und Will habe ich mitgelitten, und auch der Doktor übte eine erschreckende Faszination auf mich aus. Nun wäre das Buch kein Boyle, wenn es irgendwelche uneingeschränkten SympathieträgerInnen gäbe. Alle Figuren haben ihre düsteren Seiten, und wenn mal alles nach Plan laufen sollte, bahnt sich die nächste Katastrophe mit Sicherheit an. Und natürlich siegt auch nicht irgendwie das Gute oder so, sondern Rücksichtslosigkeit zahlt sich am Ende doch irgendwie aus. Es ist schon fast erstaunlich, wie nachvollziehbar Boyle die völlig unterschiedlichen Charaktere zeichnet, so dass ich für jeden von ihnen an manchen Stellen Sympathie empfunden habe. Ich bin ja ein entschiedener Gegner von simplen Gut/Böse-Schemata, und in der Beziehung war dieses Buch eine kleine Wohltat. Boyle hat für jeden seiner Charaktere einen gewissen Respekt, auch für die, die er jämmerlich krepieren lässt.
Dass Boyles Schreibstil eine große Freude ist, brauche ich hoffentlich nicht extra zu erwähnen. "The Road to Wellville" setzt dabei nicht so sehr auf humoristische Einlagen, wie Boyle sie sonst oft verwendet, sondern lebt schon von den skurrilen Ereignissen. Langeweile kommt jedenfalls auf den über 600 Seiten nie auf. Das Ende fand ich zwar nicht überragend, aber auch nicht besonders schlecht. Irgendwie muss es ja zu Ende gehen, obwohl die Personen natürlich weiter leben. Das macht Boyle schon prima. Bei einigen seiner anderen Bücher hatte ich auf der Hälfte das Gefühl, ihm sei ein bisschen der Schwung ausgegangen - das fand ich hier überhaupt nicht. So ist das Buch eine schöne Lektüre ohne übertriebenen Tiefgang. Und es lässt sich daran prima sehen, wie eine interessante Geschichte aufgebaut sein kann.
Na ja, "The Road to Wellville" ist nicht Boyles bestes, aber doch ein lesenswertes Buch. Ich empfehle es jedenfalls auch für diejenigen, die für die "Wassermusik" ein wenig zu zartbesaitet sind.
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