Motten sind schön.

Wieder einmal muss ich einen deutschen Verlag des Sadismus bezichtigen. Täter ist diesmal der Piper-Verlag, der Barbara Kingsolvers "Prodigal Summer" (das bedeutet etwa "Verschwenderischer Sommer") unter dem schmerzhaften deutschen Titel "Im Land der Schmetterlinge" auf den Markt gebracht hat. Glücklicherweise hatte ich das Vergnügen, das Buch auf Englisch genießen zu können - wer weiß, was für Qualen sonst noch auf mich gelauert hätten.
Ich will es gleich vorwegnehmen: Kingsolvers neuester Streich kann es mit ihrer imposanten "Giftholzbibel" nicht ganz aufnehmen. Eine lohnende Lektüre ist er dennoch, daher diese Rezension.
"Prodigal Summer" spielt in einem winzigen amerikanischen Kaff am Rande der Appalachen und in dessen Umgebung. Ebenso wie in der "Giftholzbibel" setzt sich die Geschichte aus mehreren Handlungssträngen zusammen, die jeweils an eine Person geknüpft sind, allerdings diesmal nicht in der Ich-Perspektive. Da wäre zunächst einmal Deanna, eine Art Wildhüterin, die in einer abgelegenen Hütte lebt und einmal im Monat von der Forstbehörde mit Lebensmitteln versorgt wird. Sie interessiert sich besonders für die Kojoten, die sich gerade in der Gegend ansiedeln. Anders als die meisten anderen Leute sieht sie in den Raubtieren keine Bedrohung, sondern etwas Schützenswertes. Dummerweise lässt sie sich ausgerechnet mit einem dahergelaufenen Jäger ein. Handlungsstrang zwei gehört einem schon etwas klapperigen alten Herrn namens Garnett, der es sich zum Ziel gemacht hat, eine bestimmte Baumart wieder zu züchten, die in Nordamerika nahezu ausgestorben ist. Er liegt im Dauerclinch mit seiner Nachbarin, einer Ökobäuerin, die er verachtet, weil sie die Dinge irgendwie anders sieht, als es in der Bibel steht.
Mit Abstand am interessantesten fand ich den dritten Handlungsstrang über eine junge Witwe namens Lusa, die von der Familie ihres Mannes verdächtigt wird, das Familienerbe an sich reißen zu wollen. Sie setzt sich letztlich durch, indem sie eine neue Geschäftsidee in das stockkonservative Nest bringt.
Natürlich haben die drei Handlungsstränge immer mal wieder Berührungspunkte – wie sollte es auch anders sein in so einem kleinen Kaff? Doch obwohl letztlich alle zusammengehören (teilweise auch miteinander verwandt sind), sind sie doch alle ziemlich einsam. Besonders bitter sieht es für Lusa aus. Die studierte Insektenkundlerin sitzt in einem Kaff herum, in dem die Leute geschockt sind, wenn sie erfahren, dass es zum Beispiel Länder gibt, in denen die Bevölkerungsmehrheit nicht christlich ist, und für die ein Satz wie "Ich war früher öfter mal in New York" so etwa klingt wie für uns "Im Sommer mache ich gern Urlaub auf dem Mars" klingen würde. Dass sich außer ihr niemand für Motten begeistern kann, versteht sich von selbst. Deswegen ärgert mich die Übersetzung des Titels auch so sehr. Es geht doch gerade darum, dass sie sich für etwas interessiert, das alle anderen hässlich und überflüssig finden (das ist auch das Bindeglied zu den anderen Hauptpersonen, die auch so exotische Interessen haben) - Schmetterlinge sind da sicherlich nicht das, was die Autorin meinte. Wundern sollte es mich beim Piper-Verlag nicht mehr, seit ich auf dessen Homepage die Kurzbeschreibung des Buches las - wer auch immer die geschrieben hat, hat bestenfalls die ersten zehn Seiten überflogen. Insbesondere wird fabuliert, es ginge um drei Frauen. Keine Ahnung, wo die das herhaben...
Aber zurück zu Barbara Kingsolver. Ihr ist es wieder mal gelungen, anhand von einzelnen Personen ein faszinierendes Gesellschaftsbild zu zeichnen, in dem sich die meisten von uns wohl an irgendeiner Stelle wiedererkennen können. Kingsolvers scharfe Beobachtungsgabe schätze ich sehr, und sie hat mich auch hier nicht enttäuscht. Auch ihr manchmal blumiger Schreibstil kriegt immer noch rechtzeitig die Kurve, und sie vergißt darüber nicht, die Geschichte voranzutreiben. Allerdings ist "Prodigal Summer" einfach nicht ganz so rund wie die "Giftholzbibel", in der die einzelnen Geschichten enger zusammenhängen. Ich habe ein wenig gebraucht, bis ich in allen Ebenen drin war. Zu Beginn half mir nur die eigenwillige Kapitelbeschriftung - jeder Handlungsstrang hat einen immer wiederkehrenden Titel, so dass die paar Dutzend Kapitel insgesamt nur drei verschiedene Namen haben (würde zu gern wissen, wie „Moth Love“ in der deutschen Fassung wiedergegeben ist...). Dass die einzelnen Handlungsstränge nicht recht abgeschlossen wirken (mit einer Ausnahme) ist zwar nur konsequent, denn das Leben geht ja immer weiter. Aber ein bisschen unvollständig kam es mir am Ende dann doch vor. Daher von mir nur gute vier Sterne (von fünf) und die Empfehlung an den Piper-Verlag, auf Mottenzucht umzusatteln.



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