Drittes Reich ohne Nazis

Das Thema Erinnerungspsychologie interessiert mich schon seit geraumer Zeit, was insbesondere (aber nicht nur) daran liegt, dass ich mich recht viel mit Geschichten aus der Nazizeit und eben gerade mit der Erinnerung daran beschäftigt habe, und zwar in ganz verschiedenen Kontexten. Die Geschichte meiner eigenen Familie war wichtig für mich, ein ZeitzeugInnen-Interview-Projekt, an dem ich mitgearbeitet habe, hat mich ebenfalls sehr geprägt, und dann habe ich halt immer wieder gelesen und gestaunt. Als ich dann eines Tages wirklich zufällig auf das Buch „Opa war kein Nazi“ stieß (ich fand es in einer „zu verschenken“-Kiste am Straßenrand), nahm ich es mit. Das ist schon ein bisschen her, aber jetzt bin ich endlich mal dazu gekommen, es durchzulesen. Weil ich es für ausgesprochen faszinierend halte, möchte ich es Euch hiermit näherbringen.

Die AutorInnen (Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuggnall) haben im Rahmen eines Forschungsprojektes der Universität Hannover 40 Familien interviewt, die alle aus jeweils drei Generationen bestanden, der ZeitzeugInnen-Generation (die bei Ende des Krieges 12 oder älter waren), der Kinder-Generation und der EnkelInnen-Generation. Dabei fanden sowohl Gruppen-Interviews als auch Einzel-Interviews statt. Das Thema war die Geschichte der jeweiligen Familie in der Nazi-Zeit. Dabei lag besondere Beachtung allerdings nicht so sehr darauf, was die ZeitzeugInnen-Generation während des Dritten Reichs so alles angestellt hatte, sondern wie die Erinnerung daran in der Familie tradiert wurde und wird. Mit anderen Worten: Wie genau kommt es eigentlich zustande, dass nur ein verschwindend geringer Teil der deutschen Bevölkerung (im Jahr 1998, dem Zeitpunkt der Interviews) der Meinung war, ihre Familie habe im Dritten Reich auf der TäterInnenseite gestanden, aber weitaus mehr meinen, ihre Familie habe beispielsweise Verfolgten geholfen? Liegt es einfach nur daran, dass Opa gelogen hat? Um es gleich vorwegzunehmen: Daran liegt es oft nicht, vielmehr verändert sich die Geschichte im Laufe der Jahrzehnte nicht nur in Opas Erinnerung, sondern auch bei der Weitergabe an die folgenden Generationen. Vielfältige Einflüsse spielen dabei eine Rolle, und eben das haben die drei AutorInnen mit ihrem Projekt untersucht. Ich fand nicht alle Methoden und alle Interpretationen des Herausgefundenen immer zwingend, aber insgesamt kam doch so viel für mich Neues und Überraschendes heraus, dass ich das Buch dennoch unbedingt empfehle.

Eine erste spannende Erkenntnis vielleicht vorweg: Das steigende Interesse an den historischen Fakten und die große Verfügbarkeit von Informationen darüber, wie es im Dritten Reich eben so war, scheint einerseits dazu geführt zu haben, dass man eine Menge über die Nazizeit weiß oder wissen kann, gleichzeitig aber auch dazu, dass man die Vorstellung, die eigene Familie könne daran beteiligt gewesen sein, umso weiter von sich weist. Mit anderen Worten: Die Bemühung darum, alles wirklich genau wissen zu wollen, führt letztlich dazu, dass man sich in der eigenen Familiengeschichte von den Fakten weiter entfernt. Das scheint so eine Art Unschärferelation zu sein, wenn ich das mal so salopp formulieren darf. Im Buch wird unterschieden zwischen einer „Familientradition“ auf der einen und einem „Lexikon“ auf der anderen Seite. Im Vergleich zwischen den Familien in Ost- und Westdeutschland wird dies besonders interessant, denn während die Familientradition natürlich zumindest theoretisch in einer Familie in Westdeutschland genauso weitergegeben werden konnte wie in einer in Ostdeutschland, kontrastriert das eben mit einem anderen „Lexikon“, denn die öffentliche Diskussion, die zur Verfügung stehenden oder gestellten Quellen und so weiter waren durchaus verschieden.

Doch ich greife vor – zuerstmal etwas zum Aufbau des Buches: Nach einer allgemeinen Einführung werden einzelne Thesen in Kapiteln behandelt und dann mit (meist sehr kurzen) Passagen aus den Interviews sozusagen illustriert. Diese Passagen werden dann wiederum kommentiert und analysiert. Natürlich sind alle Namen anonymisiert, allerdings jeweils mit den Geburtsjahren versehen, was eine Einordnung doch sehr erleichtert. Obwohl die AutorInnen zu Beginn betonen, dass sie eben nicht untersuchen wollen, was vom Erzählten nun wirklich wahr ist, sondern nur, wie die Erzählungen funktionieren und sich verändern, weichen sie in ihren Kommentaren insbesondere zu Beginn des Buches doch öfter von dieser Linie ab. Vermutlich soll es die Erkenntnisse über die Veränderungen in der Familientradition verdeutlichen, dennoch hat es mich gelegentlich ein bisschen gestört. Zwar stimme ich ihren Interpretationen in aller Regel voll zu, wenn sie aus den Erzählungen selbst bereits heraushören, dass die berichteten Ereignisse so kaum stattgefunden haben dürften, aber das ist eigentlich nicht das Thema und eben oft auch ziemlich breit interpretierbar. Das, worauf eigentlich der Schwerpunkt des Buches liegt, nämlich wie sich Geschichten im Laufe der Jahre verändern, ist ohnehin viel interessanter als die Frage, ob Opa X der Gestapo wirklich nur beigetreten ist, um innerhalb des Systems Gutes zu tun, oder weil er halt eine alte Nazisau war.

Heraus kommt dabei der Versuch, bestimmte Muster in den Familiengeschichten herauszuarbeiten. Das diese nicht auf jede x-beliebige Familie in Deutschland anwendbar ist, sollte klar sein, doch angesichts des Umfangs der Interviews ist die Zahl von 40 Familien schon ziemlich beachtlich. Es ist nicht ganz einfach, das jetzt mal so kurz zu umreißen, aber ich versuche trotzdem mal, ein paar zentrale Punkte herauszuholen:

Durchaus eine gesonderte Erwähnung verdient das Kapitel über die Unterschiede zwischen west- und ostdeutschen Familien. Dass bei den Familien im Osten etwa Vergleiche zwischen Nazi- und SED-Diktatur allgegenwärtig sind (ausgenommen zwei Familien, in denen Angehörige der ZeitzeugInnengeneration während der Nazi-Zeit inhaftiert waren und die diese Vergleiche vehement von sich weisen), liegt meiner Meinung nach dabei weniger an Unkenntnis über das Ausmaß der Verbrechen der beiden Regime (also über die Informationen aus dem „Lexikon“), sondern daran, dass sich für viele Familien die Situationen emotional tatsächlich nicht wesentlich unterschieden haben, solange sie nicht auf der Seite der explizit Verfolgten gestanden haben, und die Geschichten über das Arrangieren mit einem mehr oder weniger ungeliebten Regime sich tatsächlich ähneln.

Um die intensiven Betrachtungen einzelner Familien nochmals auf eine empirisch breitere Basis zu stellen, wurde nach dem Abschluss des Projekts eine repräsentative Umfrage in Auftrag gegeben, die die Ergebnisse der Studie stützt; so sagten 49 % der Befragten aus, ihre Familienmitglieder hätten dem Naziregime „sehr negativ“ oder „negativ“ gegenübergestanden, während „positiv“ oder „sehr positiv“ zusammen auf 6 % kommen. Dass das nicht der tatsächlichen Unterstützung des Regimes entspricht, ist eindeutig.


All dies sind faszinierende Einblicke darüber, wie sich Erzählungen im Laufe der Zeit verwandeln und wie dies wiederum auf die Erinnerungen der Erzählenden zurückwirkt. „Verdrängen“ ist nicht nur ein leeres Wort, das manche Leute für „vergessen“ verwenden, sondern so etwas funktioniert tatsächlich so stark, dass manche Erinnerungen einfach verschwinden oder völlig umgewandelt werden. Ich hatte zuvor noch keine so umfangreiche Studie zu diesem Thema gelesen, deshalb waren diese Erkenntnisse für mich sehr spannend.
Dennoch hat mir das Buch nicht völlig uneingeschränkt gefallen. Das liegt nicht nur an den eingangs schon erwähnten Ausflügen in die Interpretation (die angesichts der, allerdings erst nachträglich durchgeführten, repräsentativen Umfrage ohnehin kaum nötig gewesen wären). Dazu kommt, dass ich die Atmosphäre und den Verlauf der Interviews nicht ausreichend erläutert finde (zu Beginn wurden den Familien ein paar kurze, eher unbekannte Filmsequenzen aus dem Dritten Reich vorgespielt, gelegentlich wurde darauf dann auch Bezug genommen, aber wie es ansonsten im Detail ablief, hätte ich gern noch genauer gewusst). Auch die besondere Erzählsituation, dass eben nicht nur innerhalb der Familie, sondern mit einem oder einer Außenstehenden im Raum, erzählt wurde, ist in meinen Augen nicht ausreichend problematisiert. So etwas wie „bei den ZuhörerInnen regte sich kein Widerspruch“ ist zwar durchaus interessant, könnte aber in einer „intimeren“ Situation vielleicht auch anders ausgesehen haben. Wer weiß?

Auch der Schreibstil war für mich recht anstrengend. Klar, es ist eine wissenschaftliche Veröffentlichung, aber auch da gibt es ja Leute, die gut schreiben können und solche, die das eher ein bisschen umständlich tun. Meiner Meinung nach hätte man das durchaus ein bisschen flüssiger hinkriegen können. Insbesondere das letzte Kapitel „Umrisse einer Theorie kommunikativer Tradierung“ war schon reichlich anspruchsvoll und vielleicht einem interessierten Laien wie mir eher gerade noch zumutbar. Interessant aber eben allemal auch.

Ein echtes Ärgernis ist die Unsitte mit den Endnoten (über 450 an der Zahl). Hier hätte ich mir dringend stattdessen Fußnoten gewünscht, da Endnoten mit der nötigen Blätterei den Lesefluss doch sehr unterbrechen. Hier meine Bitte an alle Verlage dieser Welt: Endnoten abschaffen, die haben keine mir begreiflichen Vorteile. Danke schön.

Insgesamt bleibt ein unbedingt lesenswertes Buch, das ich trotz der erwähnten kleineren Schwächen vorbehaltlos weiterempfehlen möchte. Man muss sich allerdings voll drauf einlassen, sonst bleibt man unweigerlich drin stecken.



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