Osama und das Internet

Ein Buch über ein relativ neues Phänomen zu schreiben, das sich noch dazu ständig verändert, ist keine ganz dankbare Aufgabe. Aus meiner Sicht als Leser ist es einfach so: Wenn ich mir eine Tageszeitung kaufe, dann lese ich sie in aller Regel am gleichen Tag durch. Am nächsten Tag ist sie schon nur noch mäßig interessant, und spätestens nach einer Woche taugt sie nur noch zum Fische einwickeln. Ein Buch dagegen lasse ich schon mal über Monate liegen, bevor ich es lese, vielleicht gar über Jahre. Bei einem Roman ist das kein weiteres Problem; bei einem Buch über Al-Qaida zumindest ein kleines. Nachdem ich das Buch "Die neue Al-Qaida. Innenansichten eines lernenden Terrornetzwerks" des Spiegel Online-Journalisten Yassin Musharbash geschenkt bekommen hatte, wollte ich es eigentlich zuerst auf die "lese ich irgendwann mal"-Liste setzen. Aber dann schaute ich doch mal kurz ins Vorwort, und ein paar Tage später sitze ich nun hier und schreibe eine Rezension darüber. Das ist schon mal ein gutes Zeichen, denn eigentlich bin ich am islamistischen Terror eher nur am Rande interessiert. Da ich nicht fernsehe, kann ich mir die Nachrichten, die ich wissen möchte, im Netz oder in der Zeitung auswählen. Berichte über Terroranschläge pflege ich zu überspringen, oder ich lese erst mit einigen Tagen Verzögerung die Nachbereitung, um etwas mehr Analyse und etwas weniger Schockeffekte mitzukriegen. Schon deshalb ist für mich ein Buch über Terrorismus eine ganz geeignete Darreichungsform. Musharbashs 300-Seiten-Werk ist in sechs Teile aufgeteilt. Zunächst geht es um das Selbstverständnis von Al-Qaida, dann um die Entwicklung des Netzwerkes, vor allem nach den 9/11-Anschlägen. Einen großen Raum nimmt anschließend die Betrachtung von Al-Qaidas Internetnutzung ein. Die weiteren Teile beschäftigen sich unter anderem mit Betrachtungen typischer Sympathisanten und einem Ausblick in die Zukunft. Die größten Stärken liegen dabei in meinen Augen vor allem in der ersten Hälfte des Buches. Immerhin bin ich ja kein Experte in der Materie. Zwar haben die meisten von uns wohl wie ich ein gesundes Halbwissen über Al-Qaida, doch ich fand es sehr hilfreich, da noch mal eine stringente Einführung zu kriegen. So stellt Musharbash einleuchtend dar, dass die Ungläubigen Westen zwar für viele Dschihadisten eine Art ideologisches Endziel, jedoch keineswegs das einzige Feindbild darstellt. Saudi-Arabien etwa sei ein genauso legitimes Anschlagsziel wie die USA, wenngleich sich viele Anschläge auch im arabischen Raum letztlich doch gegen ausländische Ziele richten. Zwar gibt es durchaus Meinungsverschiedenheiten darüber, ob man zuerst andersgläubige Muslime oder doch erst die "Kreuzfahrer", also die Menschen im Westen, massakrieren solle, aber am Ende müssten ja doch alle dran glauben, da fällt das kaum ins Gewicht. Hier unterscheidet sich Al-Qaida beispielsweise von der in den Medien so gern als radikalislamisch bezeichneten palästinensischen Hamas, die ihre Aktivitäten nur auf den israelisch-palästinensischen Konflikt beschränkt. Derlei Unterscheidungen sind wohl den meisten Leuten hierzulande gar nicht unbedingt klar. An solchen Stellen zeigt sich, dass Musharbash sehr daran gelegen ist, die Handlungen der potentiellen und tatsächlichen Terroristen zu verstehen und den Weg, der sie dorthin führt, aufzuzeigen. Nur durch derlei Erkenntnisse kann ja aus der schaurigen Situation, in der die Welt steckt, überhaupt ein Ausweg möglich sein. Denn wie der Autor an einigen Stellen fast beiläufig anmerkt, sind Dschihadisten, die einmal am bewaffneten Kampf gesteckt haben, sei es in Afghanistan, im Irak, in Bosnien oder Tschetschenien oder sonstwo, nicht mehr resozialisierbar. Endet ein bewaffneter Konflikt an irgendeinem Ort der Welt, ziehen sie von dort aus weiter zum nächsten. Ohne dass Musharbash das explizit äußert, klingt es danach, als sei diese Gruppe tatsächlich nur noch durch militärische Einsätze oder zumindest Geheimdienstzugriffe in den Griff zu bringen. Aber diese Gruppe, die aus einigen Tausend Menschen bestehen mag, ist eben nur ein Teil des Problems. Daher ist ein erheblicher Teil des Buches eben der Frage gewidmet, was junge Männer, teils mit akademischer Ausbildung, dazu treibt, sich auf belebten Marktplätzen in die Luft zu sprengen und sich dabei als Märtyrer für das Ziel einer rein islamischen Welt auch noch feiern zu lassen. Während auf der einen Seite natürlich der "klassische" Weg über islamistisch geprägte Moscheen eine Rolle spielt, nutzt Al-Qaida konsequent das Internet für seine Propaganda und weiß eben sehr wohl, wie man Leute, die grundsätzlich für die Umschulung zu Terroristen empfänglich sind oder einfach den Sympathisantensumpf bilden, bei der Stange hält. Auch dieser Frage ist im Buch dankenswerterweise einiges an Raum gegeben - und es ist in meinen Augen tatsächlich wichtig, sich nicht nur die Leute anzusehen, die tatsächlich zu Selbstmordattentätern werden, sondern auch die wesentlich zahlreicheren, die gewisse Sympathien für das Terror-Netzwerk empfinden, ohne selbst in den Kampf ziehen zu wollen. Diese Personen sind, anders als ihre Kollegen, die die Schwelle bereits überschritten haben, eben latent noch sozialisierbar. Nach der Lektüre des Buches sollte eines klar geworden sein: Weitere Anschläge wird es geben, im Irak und anderen "heißen" Dschihad-Brennpunkten, aber auch an Stellen, wo niemand damit rechnet, ob in Europa, Asien oder anderswo. Gleichzeitig allerdings ist eher nicht mit Anschlägen des Kalibers 9/11 zu rechnen, denn Al-Qaida ist seit der Zeit unmittelbar danach eben keine straff organisierte Gruppe mehr, sondern nur noch ein loses Netzwerk, dem man sich einfach zugehörig fühlen kann, wenn man seine Ziele teilt. Das heißt, dass die Infrastruktur für ausgefeilte Riesenanschläge fehlen mag, dafür aber jederzeit jemand in Land X auf eigene Faust im Namen Al-Qaidas ein Sprengstoffattentat durchführen oder jemanden ermorden kann, der missliebig erscheint. Es ist eben ein Unterschied, ob jemand einen holländischen Filmemacher auf offener Straße erschießt oder ob eine größere Gruppe von speziell zu Piloten ausgebildeten Selbstmordattentätern sich mit Passagiermaschinen in Hochhäuser stürzt, und zwar nicht nur in der Wirkung, sondern auch in der Organisation. Auch wenn Al-Qaida schwächer erscheinen mag, als sie es früher war, geht weiterhin viel Gefahr von ihr aus. Musharbashs Buch liest sich flüssig und interessant. Zwar hat mir seine Mischung aus wissenschaftlichem und journalistischem Stil nicht an jeder Stelle bedingungslos gefallen, aber sie wird dem Thema durchaus gerecht, und ich habe das Buch schnell gelesen. Ein kleiner Irritationspunkt, den ich ihm aber wohl nicht recht übel nehmen kann, sind die gelegentlichen Niederwerfungen vor seinem Arbeitgeber (so erfahren wir beispielsweise, dass Al-Qaida seit 1996 im Internet präsent ist, also nur ein Jahr weniger als Spiegel Online und Jahre vor anderen Nachrichtenmagazinen...). Na ja, das lässt sich erstens verschmerzen und nimmt zweitens auch nicht überhand. Um zur Eingangssituation zurückzukehren: Die Schwierigkeiten eines Journalisten beim Verfassen eines einigermaßen aktuellen Buches zeigen sich besonders gut an der Person al-Sarqawis, des al-Qaida-Führers im Irak, der im Juni 2006 getötet wurde. Obwohl auf den Tod schon Bezug genommen wird, merkt man an manchen Stellen doch, dass große Teile des Buches schon vorher geschrieben worden waren. Das ist dem Autoren natürlich nicht vorzuwerfen, aber es mag eben sein, dass sein Buch in wenigen Jahren schon völlig überholt sein mag. Ich denke aber, dass es auch darüberhinaus interessante Einblicke geben kann, was Menschen zum Terrorismus getrieben hat und warum andere damit sympathisiert haben. Einer der stärksten Teile des Buches ist daher für mich die Einführung, wo Musharbash von der Begegnung mit einem jordanischen Sympathisanten berichtet, dessen Haltung differenziert darlegt und darauf hinweist, dass Leute wie dieser einfache Mann exakt die Zielgruppe der Al-Qaida-Propaganda sind. Denn dass mit den doch vergleichsweise wenigen Leuten, die sich Sprengstoff umhängen und schnellstmöglich zu Märtyrern werden wollen, allein keine islamische Weltherrschaft zu erreichen ist, ist auch Osama bin Laden klar. Und vor allem an diesem Punkt sollte jede Maßnahme ansetzen, die dem Terrornetzwerk ihren Boden entziehen will. Insgesamt kann ich das Buch trotz des hässlichen Einbandes allen ans Herz legen, die bereit sind, Al-Qaida und ihre Taten ein wenig zu entmystifizieren. Die 8,95, die Kiepenheuer und Witsch dafür verlangt, sind in meinen Augen gut angelegt.

Und hier geht's zurück zur Startseite und zu den anderen Buchkritiken.

P.S.: Die von hier aus verlinkten externen Seiten finde ich gut. Verantwortung für ihre Inhalte übernehme ich aber nicht.