Schon seit einer Weile hatte mich dieses Buch interessiert, denn das Thema Organspende ist in meinem persönlichen Umfeld im jetzt ablaufenden Jahr leider recht relevant geworden, und da macht man sich dann schon Gedanken über die moralischen Konsequenzen. Das Buch „My Sister's Keeper“ (deutsch: „Beim Leben meiner Schwester“) von Jodi Picoult versprach eine ungewöhnliche und doch tiefgreifende Auseinandersetzung mit diesem Thema, und da habe ich es mir dann halt mal ausgeliehen. Worum es im Groben ging, wusste ich vorab, auch, weil es einige Leute in meiner Umgebung schon gelesen hatten. Für die, die noch nichts davon gehört hatten, hier eine kurze Inhaltsübersicht:
Kleinkind Kate Fitzgerald ist an Leukämie erkrankt, und wird nur mühselig am Leben gehalten. Ihre Eltern Kate und Brian sind verständlicherweise verzweifelt – allerdings gäbe es vielleicht Hoffnung, wenn ihre Tochter eine Transplantation von Nabelschnurzellen bekommen würde. Um an diese heranzukommen, planen die Eltern das dritte Kind (der ältere Sohn Jesse ist nicht als Spender geeignet) systematisch. Das heißt, statt einfach in die Kiste zu springen, wählen sie eine künstliche Befruchtung und suchen aus den derart entstehenden Embryonen einen aus, der ein idealer Spender für Kate wäre. Heraus kommt dabei dann ihr drittes Kind Anna, deren Nabelschnur gleich nach der Geburt verwendet wird.
Leider ohne den gewünschten Erfolg, und so kommt es, dass Kate immer mehr Transplantationen braucht, insbesondere eine Knochenmarktransplantation und schließlich, als sie schon 16 ist, auch eine neue Niere. Allerdings gibt es da ein Problem: Anna will nicht mehr als Spenderin zur Verfügung stehen. Sie wendet sich an einen Rechtsanwalt namens Campbell, der schließlich bereit ist, sie in einem Rechtsstreit gegen ihre Eltern zu vertreten. Und damit beginnt nicht nur ein medizinisches, sondern vor allem ein familiäres Drama. Im Mittelpunkt stehen die Fragen: Ist Anna alt genug, für sich selbst zu entscheiden? Hat Anna das Recht, ihrer Schwester eine Niere zu verweigern und damit ein wahrscheinliches Todesurteil über sie zu fällen? Haben Eltern immer im Blick, was gut für ihre Kinder ist, oder verlieren sie unter Umständen ihre anderen Kinder aus den Augen, um eines zu retten? Und inwieweit zählen die Wünsche aller drei Fitzgerald-Kinder überhaupt für die eher dominante Mutter?
Neben der Familie und dem Anwalt (und seinem Hund) gibt es noch eine weitere wichtige Person, nämlich Julia, die vom Richter kurzzeitig zu Annas gesetzlichem Vertreter (oder hieße das auf Deutsch Vormund?) ernannt wird und die ein wenig seifenopernmäßig Campbells enttäuschte Exfreundin ist. Die Geschichte spielt letztlich während nur einiger Tage, wobei aber immer wieder in die Familiengeschichte zurückgesprungen wird.Am Ende gibt es dann viel Vorhersehbares und auch einige Überraschungen.
Die sieben Personen haben jeweils eigene Kapitel, die aus ihrer Sicht geschrieben sind. Hier trennt Picoult angenehm scharf, denn eine Metaperspektive hätte das Buch schon nach zwanzig Seiten unweigerlich zerstört. Eine Stärke Picoults ist es, dass es durchaus gelingt, sich in alle Handelnden einigermaßen hineinzuversetzen, wenngleich es nicht bei allen gleich einfach ist (insbesondere Jesse und Julia können manchmal ein bisschen sperrig rüberkommen. Sie schafft es aber, diese beiden ein wenig zu überfrachten, ohne dass es allzu lästig wird). Rückblicke finden insbesondere in Saras Perspektive statt, und man hat zuweilen das Gefühl, dass Picoult insbesondere diese Figur besonders gereizt hat (wie sie im Vorwort schreibt, hatte sie mit ihrem Sohn selbst eine Menge Krankenhauserfahrung).
Die Krankenhausszenen gehören zu den stärkeren des Buches; man hat hier durchaus das Gefühl, dass Picoult ganz gut weiß, wovon sie da spricht. Es ist für Nichtbetroffene oft wahrscheinlich fast undurchschaubar, aber ich denke, so soll es auch wirken. Wer lange Zeit jemanden im Krankenhaus betreut, gewöhnt sich eben leicht einen bestimmten Jargon an, der für Außenstehende eher schwierig zu verstehen ist (schon Gespräche mit von anderen Krankheiten betroffenen Angehörigen können schwer zu durchschauen sein). Auch hier hat mir das Buch gefallen.
Die Aufbereitung der zentralen moralischen Fragen gelingt Picoult zu Beginn durchaus souverän. Allerdings hält sie dies leider nicht bis zum Ende des Buches durch. Kleinere Längen sind gelegentlich mal drin, und eine etwas geringere Dosis wehmütige Metaphern hätte ich auch besser gefunden. Allerdings verreißt Picoult das Buch erst am Ende so richtig, das dafür dann mit vollem Karacho. Ohne jetzt zuviel verraten zu wollen: Das Ende ist nicht nur feige Drückebergerei vor der Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Konsequenzen des so sorgfältig aufgebauten Dilemmas (da freut sich Hollywood: Dieses Ende wird kaum verwässert werden müssen – dazu gleich noch mehr), sondern vor allem bleiben zentrale Fragen unbeantwortet beziehungsweise werden geradezu irritierend übergangen, insbesondere im Epilog, der fast alles schuldig bleibt, was die ja durchaus spannende Geschichte bis dahin eigentlich ausgemacht hat. Die Frage nach der Verantwortung und nach dem freien Willen weicht letztlich einfach einem nicht sonderlich beeinflussbaren Schicksal. Ende. Hallo? So richtig seltsam wirken da die Rechtfertigungsbemühungen der Autorin im Nachspann (einer Art Gebrauchsanweisung für Lesezirkel – sowas hatte ich auch noch nicht gesehen), wo sie jede tiefergehende Variante als unangemessenes Happy End abtut – dabei hat sie sich selbst eins herbeigeschrieben, nur nicht für die handelnden Personen oder auch nur die LeserInnen, sondern eben eins für sich selbst, das ihr ermöglicht, sich aus der Verantwortung zu stehlen, die sie sich selbst aufgebürdet hat.
Letztlich verblassen die kleineren Schwächen des Hauptteils (die völlig verschenkte Chance, aus Jesse eine wirklich interessante und tragende Persönlichkeit zu machen und die schwer erträgliche, aufgesetzt wirkende und vor allem völlig anstrengend aufgelöste Liebesgeschichte zwischen Julia und Campbell) gegenüber Picoults fehlendem Mut für ein auch nur brauchbares Ende.
2009 kommt dann die Verfilmung in die Kinos – mit Cameron Diaz, Alec Baldwin und der unvermeidlichen Abigail Breslin. Ich bin durchaus gespannt, denn die Geschichte scheint wie für Hollywood gemacht, als wäre sie schon mit dem Blick auf eine Verfilmung geschrieben. Oder sollten wir gar einen der seltenen Fälle erleben, wo der Film die Mängel des Buches behebt? Ich habe wenig Hoffnung, bleibe aber Optimist.
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