Mitte der achtziger Jahre gab es an meiner Schule eine Autorenlesung mit Bernt Engelmann. Vielleicht kennen diesen Namen heute nicht mehr so viele Leute. Engelmann hatte eine Vielzahl von Büchern geschrieben, die fast jedes linke Bücherregal füllten. In vielen davon ging es um Nazi-Altlasten im Nachkriegsdeutschland, nämlich die vielen Politiker, Beamten etc., die nach 1945 nicht etwa zum Teufel gejagt worden, sondern in Amt und Würden geblieben, gar oft weiter aufgestiegen waren. Dieses Thema war in den Achtzigern noch weitaus präsenter als heute, und ich freute mich auf die Lesung. Das Thema lautete dann so ungefähr: „Meine Kindheit unter den Nazis“. Ich langweilte mich gar schrecklich. Nicht, dass das Thema nicht leidlich interessant gewesen wäre, aber es war schlicht das Gleiche, was in zig Jugendbüchern in ewiggleicher Form schon in mich hineingefüllt worden war. Und das von einem Autoren, der doch so viel zu sagen gehabt hätte. Nach der Lesung knallte mir eine Reporterin von Radio Bremen ein Mikro unter die Nase und fragte mich, wie ich es fand. Ich sagte ungefähr: Immer das Gleiche, ich möchte mal was anderes hören als diese alten Geschichten. Nun entstamme ich einer Generation, die durch Eltern und Großeltern noch ziemlich nahe an den Ereignissen der Nazi-Zeit dransteht. Je weiter wir uns aber zeitlich von dieser entfernen, so abstrakter wird sie für die Menschen. Und wenn wir so weitermachen und mit den ewiggleichen pädagogischen Konzepten sogenannte Aufklärung betreiben wollen, dann provozieren wir - das war schon in meiner Schulzeit zu bemerken und hat sich seither verstärkt - eine gegenteilige Reaktion und die Leute machen dicht. Nicht nur auf dem Jugendbuchmarkt übrigens gab es das Problem: Auch die Bücher über die Nazigreuel, die für Erwachsene geschrieben waren, wiederholten sich oft. Sie waren so gut wie immer Tatsachenberichte, und so gut wie immer von Überlebenden geschrieben worden. Sie waren stets ernst und mahnend. Kritisiert wurden sie selten, das stand niemandem zu. Bücher über Auschwitz waren sakrosankt und per se gut. Bei den Werken, die nicht in die obige Kategorie passten, handelte es sich meist um eher trockene (und vorsichtige) Sachbücher. Für Literaturinteressierte war die Lage in den Achtzigern also ziemlich verzweifelt. Wenige Jahre darauf las ich, dass ein Amerikaner namens Art Spiegelman das Unfassbare gewagt hatte. In einer tollkühnen Attacke auf alle Konventionen hatte er einen Auschwitz-Comic veröffentlicht (PuristInnen mögen mich darauf hinweisen, dass das in diesem Fall Bildergeschichte oder Graphic Novel heißen sollte. Diese Diskussion stört mich etwas, weil ich darin eine gewisse Abschätzigkeit gegenüber dem Medium Comic entdecken. Ich bleibe bei diesem Wort. Wüste Beschimpfungen bitte in die Kommentarspalte). Aber damit nicht genug: Spiegelman war nicht nur nicht selbst in Auschwitz gewesen, sondern gar erst 1948 geboren. Mir war klar: Ich wollte dieses Buch lesen. Allerdings beschäftigte sich Deutschland noch eine ganze Weile mit der Frage, ob es so etwas geben dürfe, und bis ich endlich eine Übersetzung in den Händen hielt, dauerte es einige weitere Jahre. Mittlerweile ist Spiegelmans „Maus“ auch in Deutschland ein Klassiker. Wenn es nach mir ginge, könnte es durchaus auch in Schulen gelesen werden. Vielleicht wird es dann so bekannt, dass seinetwegen keine Polizei-Razzien in Buchläden mehr stattfinden (wie noch Mitte der Neunziger Jahre in Berlin geschehen - das provokante Titelbild zeigt ein Hakenkreuz und eine Katze mit Hitlerbärtchen). Was aber ist nun so toll an diesem Buch? Der bloße Tabubruch? Ein klares Nein. Im Gegenteil. Spiegelman war sich des Risikos, das er einging, sicherlich bewusst. Er musste ein Meisterwerk schaffen, sonst hätte ihm die Kritik seine Kühnheit nie verziehen. Und so ging er aufs Ganze und fügte gleich noch ein wagemutiges Konzept dazu: Er stellt die Juden und Jüdinnen als Mäuse, die Deutschen als Katzen, die Amis als Hunde, die Polen und Polinnen als Schweine etc. dar. Dass dies funktioniert, liegt meiner Meinung nach daran, dass seine Schwarzweiß-Zeichnungen sehr simpel und detailarm gestaltet sind. So rückt diese Charakterisierung eher in den Hintergrund, ist aber jederzeit abrufbar. Spiegelmans sehr einfach wirkende Zeichnungen haben eine besondere Direktheit, die die LeserInnen sehr nah ans Geschehen bringt (die emotionale Dichte ist manchmal kaum zu ertragen). Das erlaubt ihm manchmal, irre plakativ zu sein. Wenn Wladek sich etwa durchs besetzte Polen schleicht, trägt er eine Schweinemaske, um nicht als Jude erkannt zu werden. Für uns als LeserInnen ist das natürlich sofort zu durchschauen, aber dass es in Spiegelmans Welt funktioniert, wirkt ganz einleuchtend. Die dunklen Landstraßen, die Wladek des Nachts auf der Suche nach einem Versteck durchwandert, formen ein riesiges Hakenkreuz. Mit einem einzigen Bild wird die Ausweglosigkeit seines Unterfangens eindrucksvoll unterstrichen. Brilliant. Die gesamte Geschichte ist derzeit bei rororo in zwei Taschenbüchern erhältlich, die jeweils um die 10 Euro kosten dürften. Sie gehören unbedingt zusammen. Es gibt darin zwei Handlungsebenen. Die erste ist die Geschichte von Spiegelmans Vater Wladek, vom Polen der dreißiger Jahre bis kurz nach Kriegsende. Die zweite Ebene zeigt, wie Wladek seinem Sohn die Geschichte erzählt (und dieser sie aufzeichnet) und wie die beiden miteinander umgehen. Die beiden Ebenen wechseln sich immer wieder ab. So enden die Bücher zwar kurz nach Wladeks Befreiung aus Auschwitz, den Fortgang der Geschichte kennen wir zu diesem Zeitpunkt aber schon bis 1982. Auch hier begeht Spiegelman einen echten Tabubruch. Wladek ist nicht nur Auschwitz-Überlebender, sondern eben auch Vater, Nachbar, normaler Mensch. Art gaukelt nicht vor, niemals Probleme mit seinem Vater gehabt zu haben, und bringt diese Probleme auch in die Geschichte ein. So ist Wladek etwa extrem geizig. Einerseits hat Art Verständnis dafür, denn Wladek hat im KZ gelernt, dass jeder kleinste Gegenstand ihm das Leben retten kann und mag daher nichts wegwerfen oder verschwenden. Auf der anderen Seite fragt Art sich aber auch, warum Wladeks Nachbarn in der jüdischen Wohngegend in New York nicht so geizig sind - auch sie haben Auschwitz überlebt. Spiegelman wertet in meinen Augen dabei nicht sehr stark, führt uns aber die Komplexität des Umgangs mit Auschwitz und seinen Überlebenden immer wieder sehr anschaulich vor. So etwas gibt es in direkt von Überlebenden geschriebenen Büchern natürlich kaum. Diese Szenen finde ich mit die stärksten der Geschichte. Allerdings sind sie natürlich nicht so emotional geprägt wie die Erzählung über das Leben im KZ. Übrigens spart Spiegelman auch seine eigenen Schwierigkeiten als Zeichner nicht aus. Er zeigt sich selbst am Zeichentisch auf einem KZ-Leichenberg sitzend, von ReporterInnen bestürmt, völlig überfordert. Er berichtet von seinen Besuchen beim Psychiater, bei dem es „massenhaft streunende Katzen und Hunde“ gibt. „Kann ich das erwähnen oder ruiniert das meine Tier-Metapher?“ Er lässt uns damit nicht nur an der Auschwitz-Erzählung selbst, sondern auch an den Schwierigkeiten, so etwas zu erzählen, schonungslos teilhaben. In dieser Deutlichkeit habe ich das noch nirgendwo gesehen. Und damit ist „Maus“ Pflichtlektüre für alle, die sich für die Aufarbeitung von was auch immer interessieren, nicht nur für Auschwitz.* Noch etwas zur Übersetzung (von Christine Brinck und Josef Joffe). Ohne sie direkt mit dem Original verglichen zu haben, finde ich sie toll. Wenn Wladek Englisch spricht (mit seinem Sohn!), dann hat er dabei einen starken yiddischen Akzent (der sich vor allem im Satzbau niederschlägt). Das ist klasse wiedergegeben und dankenswerterweise auch in einem Vorwort erklärt. Was bleibt zu erwähnen? Ich habe schon einige ziemlich zerfledderte Exemplare zu Gesicht gekriegt. Die Bindung scheint also nicht allzu toll zu sein, aber meiner Ausgabe geht es noch ganz gut. Damit fällt der einzige etwaige Negativpunkt auch noch weg. Ich habe an „Maus“ nichts mehr zu kritisieren (geht das schon wieder los?). Unter den mir bekannten Comics spielt wohl nur Raymond Briggs „When the Wind Blows“ in der gleichen Liga, unter den mir bekannten Holocaust-Aufarbeitungsbüchern schlicht gar nichts. Im Interesse des Erinnerns hoffe ich, dass das nicht so bleibt. *Interessant finde ich übrigens folgendes Detail: Der erste Band trägt den Untertitel „Mein Vater kotzt Geschichte aus“. Der zweite ist dann „Und hier begann mein Unglück“. Man/frau beachte den Perspektivwechsel. Hat Art sich beim zweiten Band so in den Vater hineingesteigert, dass er zum „ich" wird? Oder steht das für ein anderes Unglück, gar Arts selbst?
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