Sesquipedalianism? Wassn das?

Dass es sich bei diesem Buch gar nicht um einen Roman im engeren Sinne handelt, wurde mir erst nach zwei oder drei Kapiteln klar. Aber da war es eh schon zu spät, denn die Geschichte hatte mich nach ungefähr drei Seiten bereits fest in ihren Bann gezogen. Und es ist auch schwer, das scharf zu trennen. Aber erst einmal will ich erzählen, worum es denn eigentlich geht:
Die Geschichte spielt etwa zwischen 1860 und 1930. In dieser Zeit wurde ein geradezu größenwahnsinniges literarisches Projekt bewältigt: Die Erstellung des "Oxford English Dictionary" (OED), einer Auflistung sämtlicher in der englischsprachigen Literatur vorhandenen Worte, ihrer Bedeutungen und ihrer Verwendungsgeschichte. Dieses monumentale Ansinnen war nur möglich, indem Tausende von Freiwilligen alle bekannten Bücher durchstöberten, auswerteten und die Ergebnisse nach Oxford schickten. Dort wurden sie unter der Leitung verschiedener Professoren, insbesondere aber unter der eines gewissen Professor Murray ausgewertet und schließlich für den Druck vorbereitet.
Unter den fleißigen EinsenderInnen sticht einer besonders heraus: Über Jahrzehnte hinweg schickt er Tausende von Beiträgen, Woche für Woche. Er scheint besonderen Anteil am Fortschreiten des Projektes zu nehmen, denn er erkundigt sich immer wieder danach, welche Wörter gerade bearbeitet werden und schickt dann prompt Belege für diese Wörter aus den Büchern seiner Bibliothek (während andere HelferInnen eher wahllos vorgehen). Sein Name ist Dr. W.C. Minor, und er lebt außerhalb von London auf dem Lande. Mehr ist über ihn zunächst nicht bekannt.
Erst nach mehreren Jahren der Korrespondenz erfährt Murray mehr über Minor, den er bis dahin nie persönlich getroffen hat: Dieser wohnt in einer Art Irrenhaus, da er vor Jahren einen Mann auf der Straße aufgrund von Wahnvorstellungen erschossen hatte. Seine Schuldunfähigkeit wurde leicht erkannt, so dass er dem Henker entkam und in einem geschlossenen Heim landete. Tagsüber lebt er dort ein nahezu normales Leben (mit zahlreichen Privilegien), nachts quälen ihn grausliche Träume und Wahnvorstellungen. Jedenfalls hat er viel Zeit und viele Bücher, und das macht ihn, der sich gleichzeitig nach einer sinnvollen Beschäftigung sehnt, zum idealen Mitarbeiter für das Wörterbuch.
"The Surgeon of Crowthorne" erzählt die Geschichte der beiden Männer Murray und Minor, die schließlich gute Freunde werden, gespickt mit zahlreichen Anekdoten ueber die Leute aus ihrem Umfeld. Dazu kommen Abhandlungen über die Geschichte des Schreibens von Wörterbüchern allgemein. Das ist alles. Ein Roman ist es nicht, "nur" ein Tatsachenbericht, der aber oft fast wie ein Roman daherkommt, da er zum Beispiel oft wörtliche Rede verwendet und so die Figuren besonders lebendig werden lässt. Der Sprachstil ist dabei recht gradlinig und manchmal fast trocken-neutral, aber das passt einfach genau in dieses Buch hinein.
Winchester nimmt sich die Freiheit, zwischen den Ereignissen munter hin und herzuspringen. Die Abfolge der Handlung ist nur sehr locker chronologisch, aber sie bleibt immer gut verfolgbar. Ich steckte seit ungefähr der dritten Seite tief in der Geschichte drin und mochte das Buch gar nicht mehr weglegen. In jedem Moment habe ich den Respekt des Autors vor allen Beteiligten gespürt (kann mich nicht erinnern, jemals eine Widmung so passend und wichtig gefunden zu haben wie die in diesem Buch!). Er erkennt die Tragik des Geschehenen sehr klar: Hätte Minor nicht den Mord begangen, hätte er nie die Möglichkeit gehabt, in einem solchen Umfang zum OED beitragen zu können – eine Erkenntnis, die dem Ermordeten freilich nur wenig weiterhilft.
Gelesen habe ich "The Surgeon of Crowthorne" auf Englisch. Wie ich aus den anderen Berichten ersehen konnte, scheint die deutsche Übersetzung sehr gut gelungen zu sein. Allerdings möchte ich Euch ermutigen, das Buch mal auf Englisch zu versuchen. Ich glaube, es ist nicht so schwierig, wie das Thema vermuten lässt. Bis auf die Kapiteleinleitungen, in denen jeweils ein Auszug aus dem OED ueber ein zum jeweiligen Kapitel passendes Wort steht, ist der Text recht flüssig zu lesen, da Winchester einfach sehr anschaulich zu schreiben versteht. Nebenbei erklärt er einige besonders abstruse Woerter der englischen Sprache - ich kann eigentlich ganz gut Englisch, aber was zum Beispiel "sesquipedalianism" heißt, hätte ich ohne diese Lektüre nicht gewusst...
Negativ habe ich nur Winzigkeiten zu vermerken: Auf dem Titelblatt meiner penguin-Ausgabe ist ein Foto eines der beiden Protagonisten (wer wissen möchte, warum ich hier nicht einfach Hauptpersonen schreibe, soll das Buch lesen) zu sehen - aber nirgends gibt es einen Hinweis, welcher der beiden das ist. Überrascht war ich auch vom plötzlichen Ende der eigentlichen Geschichte, auf die noch fünfzehn Seiten Nachwort, Danksagungen und so weiter folgen. Das war für einen Moment sehr schade, denn ich hätte einfach gern noch weitergelesen.
Für alle, die sich fuer die englische Sprache interessieren, bietet das Buch jedenfalls eine schöne Lektüre. Aber auch Leute, die einfach mal ein ungewöhnliches Lesevergnügen suchen, können bedenkenlos zugreifen.



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