Der Einbrecher im Roggen

Ich bin kein Fan von Sherlock Holmes. Das liegt vielleicht vor allem daran, dass ich nie eine der Geschichten von Arthur Conan Doyle über den Meisterdetektiv gelesen habe. Bis vor kurzem war mir nur die köstliche Geschichte "The Seven Percent Solution" von Nicholas Meyer bekannt, eines der "inoffiziellen" Holmes-Abenteuer, die irgendwo zwischen den offiziellen spielen und auf irgendwelche Seitenbemerkungen aus diesen Bezug nehmen. Nun fiel mir eine zweite derartige Geschichte in die Hände, die unter dem schmerzhaften deutschen Titel "Das Mandala des Dalai Lama" vermarktet wurde (der ursprüngliche Titel war "The Mandala of Sherlock Holmes". Fällt noch irgendjemandem außer mir der subtile Unterschied auf?). Mich interessierten dabei allerdings weniger der Dalai Lama oder Sherlock Holmes noch irgendwelche Mandalas, sondern vielmehr der Autor des Werkes, nämlich Jamyang Norbu.
Okay, dieser werte Herr ist sicherlich in Deutschland nur SpezialistInnen ein Begriff. Norbu ist eine der schillernsten Persönlichkeiten der tibetischen Exilgemeinde, bekannt als Kulturwissenschaftler, Fachbuchautor, Zeitungsverleger, Regierungskritiker und vieles mehr - für mich dabei vor allem als jemand, der die tibetische Kultur als viel mehr als nur eine klösterlich-buddhistische ansieht, was mir sehr gefällt. Ich hatte vor diversen Jahren mal die Gelegenheit, bei einer Konferenz ein kleines Gespräch mit ihm zu führen und seine Ansichten sehr wertvoll gefunden. 1999 erschien dann sein erster (und meines Wissens bislang einziger) Roman, eben "Das Mandala des Sherlock Holmes" (ich behalte mal diesen originaleren Titel bei). Ich hatte diesen schon eine Weile bei mir herumstehen, bis ich jetzt endlich die Gelegenheit fand, ihn mal zu lesen.
Die Handlung spielt 1892 und knüpft wohl an eine Bemerkung von Sherlock Holmes an, die dieser macht, nachdem er zwei Jahre für tot gehalten wurde und wieder auftaucht. Er sei unter anderem in Tibet gewesen und habe den "Groß-Lama" (heute besser bekannt als Dalai Lama) getroffen. Dazu muss man sagen, dass es in jenen Tagen für westliche AusländerInnen nahezu unmöglich war, nach Lhasa oder überhaupt weit nach Tibet hinein zu gelangen. Die tibetische Regierung versuchte verzweifelt, ausländischen Einfluss zurückzudrängen. Damit meinte sie allerdings auch und besonders den chinesischen. Da die chinesische Regierung allerdings einflussreiche Gesandte in der tibetischen Hauptstadt stationiert hatte, waren die Bemühungen um eine Abschottung eher nach Westen und Süden erfolgreich. Zu dieser instabilen Situation kam das Problem, dass die Dalai Lamas Nummer 9-12 das Erwachsenenalter nicht oder kaum erreichten, bevor sie, ahem, starben. Die Regenten, die während der Minderjährigkeit eines jeweiligen Dalai Lamas die Regierungsgeschäfte führten, waren eben nicht immer gewillt, darauf so einfach zu verzichten.
Gleichzeitig tobte am Dach der Welt das sogenannte "große Spiel", eine intensive Konkurrenz des britischen Empire und des russischen Zarenreiches darum, den jeweils eigenen Einflussbereich in Zentralasien auszudehnen. Daraufhin kam ein britischer Offizier in Indien auf die Idee, Inder zu Spionen auszubilden und als Pilger zu verkleiden. Diese lernten, in exakt abgemessenen Schrittlängen zu gehen und ihre Schritte zwischen zwei Punkten zu zählen, durch in Gebetsmühlen versteckte Thermometer die Temperatur kochenden Wassers auf Bergpässen zu messen, um deren Höhe zu ermitteln und so manche weitere Tricks mehr. Mit Hilfe dieser Ergebnisse gelang es der britischen Kolonialverwaltung in Indien, ein erstaunlich detailliertes geographisches Bild Tibets zu erlangen, das offiziell nicht bereist werden konnte. Wer sich dafür näher interessiert, sei an Peter Hopkirks interessante und lockere Einführung "Trespassers on the Roof of the World" (zu Deutsch "Der Griff nach Lhasa") verwiesen.
Einer dieser Spione, ein gewisser Sarat Chandra Das, gelangte noch auf zweierlei andere Weise zu gewisser Bekanntheit. Erstens schrieb er eines der ersten Wörterbücher der tibetischen Sprache, das noch heute gelegentlich in tibetologischen Fachkreisen herangezogen wird, dazu noch einige weitere Bücher. Zweitens ließ Rudyard Kipling in seinem vielbeachteten Roman "Kim" seine Figur Hurree Chunder Mookherjee auftreten, die niemand anderen als Das darstellen sollte. Diese Figur wiederum wählt Jamyang Norbu für seinen Sherlock Holmes-Roman als Erzähler aus.
In Norbus Geschichte ist Hurree nach seinen Abenteuern in Tibet weiterhin im Dienste der britischen Kolonialverwaltung und erhält den Auftrag, sich um einen mysteriösen Norweger zu kümmern, der mit dem Schiff in Bombay ankommen soll. Bei diesem handelt es sich, wie wir bald erfahren, um niemand anderen als den berühmten Detektiv Sherlock Holmes, der inkognito in Indien unterwegs ist. Und was sollte das Ganze, wenn nicht gleich nach dessen Ankunft ein grausiger und gleichsam mysteriöser Todesfall im Hotel geschehen würde? Holmes interessiert sich natürlich für den Fall und kann ihn auch lösen, doch bald wird klar, dass das eigentliche Opfer er selbst hätte sein sollen. Um sein Leben nicht weiter zu gefährden reisen Hurree und Holmes, die sich so langsam anfreunden, weiter nach Simla in den Vorbergen des Himalaya. Doch auch dort scheinen sie vor den skrupellosen Mördern nicht sicher zu sein. Bald fällt der Entschluss, über den Himalaya nach Tibet weiterzuziehen; ein gefährliches und ungewisses Unterfangen. Und natürlich passieren auch in Tibet unerklärliche Dinge, die nur der große Sherlock Holmes durchschauen kann... Wie Jamyang Norbu sogleich klar macht, hat er sich schon immer sowohl für Arthur Conan Doyle als auch für Rudyard Kipling begeistern können; zwei legendäre Autoren des viktorianischen Zeitalters. Und so versucht er, in seinem eigenen Roman eine dazu passende Atmosphäre zu erzeugen. Ohne für so etwas wirklich ein Experte zu sein, muss ich sagen: Prima gelungen! Das gilt allerdings vor allem für den ersten Teil des Buches, als die beiden Hauptpersonen sich in Indien aufhalten. Auf Tibet lässt sich das vielleicht nicht so einfach übertragen, aber das ist auch nicht so entscheidend, denn zu dem Zeitpunkt, als die beiden in Tibet eintreffen, ist man schon so weit in die Geschichte eingetaucht, dass sie sich selbst trägt.
Allerdings passiert in den Tibet-Passagen dann etwas, das ich von jemandem wie Jamyang Norbu niemals erwartet hätte: Die Geschichte driftet ins Esoterische ab. Wartet man zu Beginn immer noch auf den Moment, wo Holmes alles scheinbar unerklärliche mit einem Schuss trockenen Humors logisch erklärt, muss man sich nach einer Weile damit abfinden, dass eben unerklärliche Dinge in Tibet passieren, Holmes diese als solche akzeptiert und eben innerhalb dieses Rahmens seine Fähigkeiten anwendet, um die Hintergründe aufzuklären. Das hat mir persönlich nicht gefallen, denn in meinen Augen leiden Tibet und das westliche Tibet-Bild ohnehin schon unter einer massiven Verklärung und Esoterisierung, was der unzweifelhaft sehr interessanten tibetischen Kultur wirklich nicht gerecht wird. Insbesondere am Ende driftet das Ganze ein bisschen ab. Norbu, der für mich immer zu den Leuten gehört hat, denen eine Entmystifizierung Tibets am Herzen liegt, überrascht also mit seinem Roman reichlich. Aber bitte. "Das Mandala des Sherlock Holmes" ist eben Fiktion und auch als solche zu verstehen. Problematisch ist dabei allenfalls, dass die LeserInnenschaft einen von zwei Fehlern machen könnte. Einerseits könnte sie Jamyang Norbus durchaus fein recherchierte Hintergrundinformationen, etwa über das oben erwähnte "große Spiel", über Britisch-Indien oder auch über Tibet selbst, ebenso für Fiktion halten, denn vieles klingt aus heutiger Sicht ja durchaus recht abenteuerlich. Andererseits könnte sie angesichts der authentisch wirkenden Berichte auch den Esoterik-Klimbim für bare Münze nehmen. Sowas ist dann ja hinterher immer schwerer auszurotten als vorher in die Welt zu setzen. Natürlich gehört das zu den literarischen Freiheiten eines jeden Autors, aber ich hätte einen anderen Verlauf vorgezogen. Dazu kommt noch, dass Norbu sich auf jeden Fall als politischen Autor begreift. Er wettert sowohl in der Einführung als auch in versteckterer Form im Verlauf des Romans gegen die chinesische Besetzung Tibets; die chinesisch-mandschurische Gesandtschaft nimmt selbstverständlich die Rolle der Bösen ein und so weiter. Na ja, das ist wohl verständlich. Aufgeklärtes Lesen ist allerdings wie immer von Vorteil, und ich hätte es lieber ein wenig vielschichtiger gehabt.
Lobenswert und durchaus aufwendig ist eine mehrseitige Liste mit Worterklärungen am Ende des Buches, in der Norbu die diversen Worte aus dem Hindi, Tibetischen und ein paar anderen Sprachen erklärt, die im Buch auftauchen. Auch gibt es eine Reihe von Fußnoten, in denen beispielsweise Literaturhinweise oder Verweise auf andere Holmes-Geschichten zu finden sind. Leider sind diese zum Teil mit der Bemerkung "Anmerkung des Übersetzers" versehen. Zu Beginn dachte ich, dass es sich dabei tatsächlich um Anmerkungen des deutschen Übersetzers Stefan Bauer handelte, allerdings vermute ich nun, dass diese Anmerkungen von Norbu selbst angefügt worden sind. Das bleibt allerdings bis zum Ende ein wenig im Nebel. Problematisch ist dabei, dass Bauer (der insgesamt eine ordentliche Arbeit abliefert) sicherlich nicht unbedingt ein Tibet- und Indienkenner ist. Die falsche Sanskrit-Wiedergabe des Namens des buddhistischen Heiligen Atisha (Dipamkarasrijnana, die diakritschen Zeichen schenke ich mir hier mal) ist sicherlich verzeihlich, aber sowas wie "das Stupa" ist schon ziemlich schräg (deutsch wie Sanskrit maskulin, in Esoterikkreisen auch gelegentlich zu "die Stupa" verhunzt). Na ja, das hat sich im Deutschen schon ein bisschen verselbständigt - das Wort "Mandala" ist den meisten Leuten wohl nur noch aus Malbüchern bekannt. Neulich hörte ich es in einem Buchladen gar mal auf der zweiten statt auf der ersten Silbe betont. Brrr. Aber ich schweife ab.
Auch Jamyang Norbu hat allerdings nicht immer sauber gearbeitet, wenn ich mal nicht alles dem Übersetzer in die Schuhe schieben möchte: Vergleicht etwa die Größenangaben eines Thangkas auf den Seiten 214 und 247 und fragt Euch, wie das zusammenpassen kann - ich habe es nicht herausgefunden, und da hätte ich mir durchaus ein etwas anspruchsvolleres Lektorat gewünscht. Aber "Das Mandala des Sherlock Holmes" ist eben keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein Abenteuerroman. Und als solcher durchaus prima gelungen.
Insgesamt denke ich, dass das Buch sich in erster Linie an Leute richtet, die sich für Indien und Tibet vor gut 100 Jahren interessieren, und erst in zweiter Linie an Sherlock Holmes-Fans. Für mich hat es seine Schuldigkeit in der Richtung übrigens auch getan: Morgen leihe ich mir mal ein paar andere Holmes-Fälle aus; ich glaube, daran könnte ich auch Spaß haben. "Das Mandala des Sherlock Holmes" kann ich als Tibetologe dennoch zu den besseren Tibet-Romanen zählen (so viel Gutes ist da ja nicht auf dem Markt) und durchaus weiterempfehlen. Wer sich ein bisschen für die Materie interessiert, wird schon an Norbus Aufgreifen vieler bekannter Schauplätze und Persönlichkeiten seine Freude haben. Für hartgesottene Holmes-Fans könnte es dagegen eine Spur zu abgedreht sein.



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