Hab schon wieder ein Buch gelesen. Nicht zum ersten Mal, aber wieder mit besonderem Vergnügen, obwohl es selbst für dieses Buch bestimmt schon das fünfte Mal war. Die Rede ist von „Lysistrata“, der genialen Comic-Adaption des klassischen Aristophanes-Stoffes durch die Schwulenikone Ralf König. Mögen wird dieses Kultbuch natürlich nur, wer mit Königs Knubbelnasenfiguren überhaupt was anfangen kann. Comics leben ja immer auch ein bisschen vom Zeichenstil. Ich persönlich etwa kann mich mit sehr realistisch gezeichneten Bildern meist eher weniger anfreunden. Na ja, da laufe ich bei Königs simplen, aber sehr ausdrucksstarken Schwarzweißzeichnungen kaum Gefahr, mich unwohl zu fühlen. Im Gegenteil, seine Figuren sind für mich immer auch von ihren Gesichtsausdrücken nachvollziehbar und real – weniger ist da mehr, und das hat König einfach perfekt heraus. Wer die Zeichnungen aber überhaupt nicht mag, wird dieses Werk im Speziellen auch nicht weiter toll finden können, denke ich. Aber er oder sie lässt sich dann auch einiges entgehen. Die Geschichte wird auf zwei Ebenen erzählt. Auf der Meta-Ebene sitzt ein altgriechisches Ehepaar im Theater und guckt sich das neueste Stück von Aristophanes, eben „Lysistrata“ an. Und das Stück selbst nimmt dann den Haupteil des Buches ein, immer wieder unterbrochen von den verständnislosen Kommentaren der ZuschauerInnen. Hier nimmt König neben der „großen“ Geschichte auch noch ein stereotypes Theaterpublikum auf die Schippe – auch das ist köstlich, aber die Musik spielt natürlich letztlich woanders, nämlich auf der Bühne. Seit dreißig Jahren herrscht Krieg zwischen Athen und Sparta, und ein tieferer Sinn darin ist nicht zu erkennen (außer vielleicht, dass die Spartaner räudige Hunde sind und so weiter). Die Männer Athens haben sich völlig in die Angelegenheit verrannt, sehr zum Leidwesen der Frauen, deren Aufgabe vor allem darin zu bestehen scheint, ihre Gatten für die nächste „entscheidende“ Schlacht wieder zusammenzuflicken. Spaß macht das natürlich nicht, und die sonstige Hausarbeit wird durch den Krieg ja auch nicht gerade weniger. In dieser verfahrenen Situation kommt einer findigen Lesbe namens Lysistrata eine geniale Idee. Gemeinsam mit den anderen Frauen verschanzt sie sich auf der Akropolis, auf der nebenbei auch die Kriegskasse Athens gelagert wird. Die Frauen erklären, sich ihren Männern bis zu einem Friedensschluss sexuell zu verweigern, um sie unter Druck zu setzen. In Sparta läuft natürlich gleichzeitig eine ähnliche Aktion. Anders als in der klassischen Geschichte ist die Aktion allerdings von mäßigem Erfolg. Die Männer laufen zwar mit mörderischen Latten herum, so dass ihre körperlichen Möglichkeiten auf dem Schlachtfeld stark eingeschränkt sind, aber an Frieden denken diese Rohlinge natürlich immer noch nicht. Doch dann kommt einem Grüppchen von Schwulen eine brilliante Idee: Sie verordnen den Männern „zwangshomosexuelle Handlungen“ zur Wiederherstellung der Kampfkraft, und nutzen diese natürlich hemmungslos aus. Bald verlieren die Soldaten das Interesse daran, auf dem Schlachtfeld die attraktiven Kerle der Gegenseite niederzumetzeln und wenden sich angenehmeren Tätigkeiten zu. Die Frauen auf der Akropolis sind natürlich davon nicht gerade restlos begeistert... Obwohl Ralf König mittlerweile eine ganze Menge Bücher auf den Markt gebracht hat, und obwohl er sich dabei auch schon des Öfteren an literarischen Vorlagen versucht hat, ist Lysistrata für mich sein rundestes Werk. Er tobt sich diesmal richtig aus, denn durch die Metaebene hat er ein tolles Mittel in der Hand. Während auf dem Schlachtfeld die schicken Männer reihenweise dahingemetzelt werden, stehen sie hinterher alle artig wieder auf der Bühne und kassieren ihren Applaus. So kann König ungewöhnlich blutig werden, ohne dass uns Angst und Bange werden muss. Aber er wagt sich auch an anderen Stellen weit vor: So gehen die frisch verliebten Männer in Schwulenbars oder gucken gemeinsam im Bett den Denver-Clan an – im alten Griechenland. Na und? Bei Ralf König wirkt das so, als könne es nur so sein (wobei ich sagen muss, dass mein Bild von Schwulenbars ohnehin maßgeblich von seinen Comics geprägt ist). Und er mischt locker andere Themen hinein – keine wirkliche Überraschung, dass da einer mit Ödipus und seinem Vater im Bett landet. Das alles ist so locker-leicht geschrieben und gezeichnet, dass es eine wahre Wonne ist. Und natürlich parodiert sich der Meister auch wieder selbst. Die beiden Bilder, bei denen die Frauen von der Akropolis aufs Schlachtfeld herabschauen, einmal zu Beginn, einmal am Ende der Geschichte, sind einfach brilliant kontrastiert. Würde König in diesem Stil Romane schreiben, in denen keine Schwulen vorkämen, wäre er auch offiziell ein großer deutscher Literat. Für mich ist er es jetzt schon – es gibt nur wenige SchriftstellerInnen, bei denen ich mit ähnlicher Ungeduld auf ein neues Werk warte. Aber Lysistrata ist auch von einem Ralf König schwer zu überbieten.
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