Sonja klaut Papier

Zwar lese ich immer gern Bücher, aber als unsere Tochter geboren wurde, hatte ich trotzdem Besseres zu tun, als in den Buchladen zu rennen und mir jeden greifbaren Ratgeber zu angeln, dessen ich habhaft werden konnte. Ein paar Bücher fielen mir zwar in die Hände, aber ich glaube, so richtig von Anfang bis Ende habe ich in der Richtung gar nichts gelesen. Dank der vorbildlichen Betreuung durch unsere Hebamme hatte ich auch gar nicht recht das Bedürfnis gehabt, mir da so viel anzulesen. Nun, da unsere Tochter Ende anderthalb ist und schon ein ziemlich bewegtes Leben hinter sich hat, fiel lieben FreundInnen von uns ein, dass sie uns noch nichts zur Geburt geschenkt hatten, und sie kamen mit "In Liebe wachsen" von Carlos González an den Start. Das habe ich mir dann tatsächlich komplett durchgelesen (wenngleich ich aus Neugier die Reihenfolge der Kapitel ein bisschen ignoriert habe). Da es mir gut gefallen hat, möchte ich es an dieser Stelle weiterempfehlen. Der Autor ist ein spanischer Kinderarzt, und das Buch ist zuerst auch auf Spanisch erschienen (1999). Die deutsche Übersetzung ist wohltuend professionell. Ich lese ja sehr ungern Romane, die aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt worden sind, weil die ÜbersetzerInnen meist hervorragend Englisch, aber nicht so richtig toll Deutsch können. Insbesondere wenn man die Herkunftssprache selbst gut beherrscht, fallen einem dann ständig Passagen auf, die man besser übersetzt hätte (ohne das Original zu kennen, schimmern die ursprünglichen Formulierungen deutlich durch). Vielleicht liegt es daran, dass sich mein Spanisch auf ein paar Bröckchen beschränkt, dass ich mit dieser Übersetzung (von Elke Zdarsky) ausgesprochen zufrieden war. Jetzt aber mal was zum Inhalt. Das Buch richtet sich an Eltern, zunächst mal kleinerer Kinder, insbesonders solche Eltern, die schon von zweihundertsiebenundvierzig anderen sich widersprechenden Ratgeberbüchern und der "allgemeinen Meinung" ganz wirr im Kopf sind. Und dabei noch mal insbesondere an Mütter. Hier hat González noch ein eher traditionelles Rollenverteilungsmuster zu bieten. Gelegentlich bietet er halbherzige Beispiele dafür, warum er vor allem Mütter anspricht (Beispiele, in denen ich mich nicht unbedingt wiederfinde), die aber interessanter- und dankenswerterweise nicht genetische Erklärungen bekommen wie viele Verhaltensmuster von Kindern, sondern eben eher mit der real existierenden Situation begründet werden. Und damit kann ich durchaus leben. Herr González stellt sich in seinem Buch klar auf die Seite des Kindes. Nun gut, werdet Ihr sagen, das tun ja alle, nicht wahr? Aber González ist es wichtig, sich abzugrenzen. Sein Aufhänger sind verschiedene Theorien darüber, was gut für ein Kind sei, außerdem die Frage ob Kinder von Natur aus gut (liebevoll, großzügig, vertrauensvoll, nachsichtig und so weiter) oder böse (ausnutzend, tyrannisierend, egoistisch und so weiter) seien. Er macht nun klipp und klar, dass er ein Anhänger ersterer Meinung ist. So weit, so gut - und so normal. Allerdings weiß er seitenweise Bücher zu zitieren, deren AutorInnen eben eine andere Meinung vertreten (haben). Die ältesten dieser Bücher stammen aus grauer Vorzeit (250 Jahre alt), aber auch heute kursieren offenbar noch eine ganze Reihe solcher Werke, die sich auch einer gewissen Beliebtheit erfreuen. Wie González selbst schreibt, müsste eigentlich hinten auf den Büchern schon die grundsätzliche Meinung der AutorInnen vermerkt sein, damit die potentiellen LeserInnen wüssten, worauf sie sich einließen - er zieht da einen netten Vergleich mit jemandem, der in eine Kirche geht und erst hinterher fragt, zu welcher Religion die nun eigentlich gehört. Und hier ist auch einer meiner wenigen Kritikpunkte angesiedelt. González hängt sich immer wieder an "vorherrschenden Meinungen" auf, die mir bestenfalls am Rande begegnet sind. So scheint es tatsächlich Leute zu geben, die meinen, es sei irgendetwas Schlechtes daran, ein Kind auf den Arm zu nehmen, wenn es weint, es im Elternbett schlafen zu lassen, es in der Öffentlichkeit zu stillen und so weiter. Das mag in Spanien natürlich auch noch anders sein als hierzulande, aber in meinem Umfeld wären das ganz klar Minderheitenmeinungen. Natürlich muss man dabei auch ein bisschen trennen: Vielleicht nehme ich meine Tochter manchmal nicht sofort in den Arm, weil ich gerade zu müde bin, weil ich noch zu arbeiten habe, weil sie gerade zu dem Zeitpunkt darum bittet, wenn ich dringend aus dem Haus muss und so weiter. Aber das sind doch auf gar keinen Fall erzieherischen Maßnahmen, sondern entweder Ausdrücke äußerlicher Zwänge oder schlimmstenfalls meiner Bequemlichkeit. Ich würde sie niemals nur deshalb nicht auf den Arm nehmen, weil ich Angst hätte, sie damit zu verziehen. Ob ich je das Gefühl haben werde, sie würde mich mutwillig terrorisieren, weiß ich nicht - in den ersten anderthalb Jahren war sie noch ziemlich weit davon entfernt. Das heißt also, dass ich vielleicht einfach nicht so ganz die Zielgruppe für dieses Buch darstelle. Aber dennoch habe ich viel Gewinn aus der Lektüre gezogen, denn wer weiß, wann ich mit entsprechenden Meinungen konfrontiert sein werde. In einem solchen Falle dann ein leidlich wissenschaftlich fundiertes Buch zitieren zu können, ist unter Umständen durchaus hilfreich. González schreibt das Buch in einem lockeren Plauderton, der sich sehr gut wegliest. Ein bisschen Polemik darf dabei nicht fehlen, aber die ist gut fundiert und bringt einen oft zum Schmunzeln. Wer das Buch gelesen hat, wird sich an die Stellen mit den Supermächten und den gotischen Kathedralen mit Freuden erinnern. Besonders stark ist das Buch allerdings für mich erst an den Stellen, wo er Dinge schreibt wie diese (im Kapitel über Ohrfeigen. Er berichtet zuerst darüber, dass Sonja beim Essen wählerisch ist, ihr Bett trotz wiederholter Aufforderung nicht macht und länger fernsieht, als es Jochen passt sowie einige andere Dinge): "(...) Gestern Abend holte sich Sonja zum Beispiel Papier aus dem Büro, um etwas zu zeichnen. "Ich habe dir gesagt, du sollst kein Papier aus dem Büro holen, ohne um Erlaubnis zu bitten", sagte Jochen zu ihr. "Was denkst denn du? Ich hole mir das Papier, wann ich will!", erwiderte Sonja. Jochen gab ihr eine Ohrfeige und schrie sie an: "So redest du nicht mit mir. Entschuldige dich jetzt sofort!" Sonja, weit davon entfernt, ihren Fehler einzusehen, bot ihm jedoch forsch die Stirn. "Entschuldige du dich!" Jochen versetzte ihr noch eine kräftige Ohrfeige, da schrie sie ihn an: "Arschloch!", und rannte hinaus. Jochen musste sich mühsam beherrschen, um ihr nicht zu folgen. (...)" Nun ist das für mich ohnehin kein akzeptables Verhalten von Jochen. Aber es mag Eltern geben, die der Meinung sind, dass es Sonja ganz recht geschehe, wenn sie so aufmüpfig sei. González diskutiert anschließend ein wenig darüber, bevor er die Katze aus dem Sack lässt: Er habe nie geschrieben, dass Sonja ein kleines Mädchen sei. Wenn sie nun die, sagen wir mal, siebenundzwanzigjährige Ehefrau von Jochen wäre? Würde irgendjemand, der noch einigermaßen bei Sinnen ist, Jochens Verhalten akzeptabel finden? Und wenn nicht, warum wäre das dann einem Kind gegenüber anders? Kein Zweifel, González hat etwas zu sagen, und er schießt nur selten über das Ziel hinaus. Ich bin nicht immer völlig einer Meinung mit ihm, was aber (siehe oben) auch mit meiner Ausgangssituation zusammenhängt. Wenn er etwa sagt, man brauche Kindern keine Grenzen zu setzen, dann meint er etwas ganz anderes damit, als ich mir darunter vorstellen würde. Ich halte es zum Beispiel für durchaus sinnvoll, Kindern Grenzen zu vermitteln, ihnen also zu vermitteln, wann sie andere Menschen stören oder verletzen. Denkbar, dass Herr González da mit mir einer Meinung wäre, aber damit beschäftigt er sich nicht weiter. Er bezieht sich immer wieder auf die (teilweise sehr) alten Erziehungsbücher, deren Ziel (teilweise ganz explizit) es eben war, Kinder zu Gehorsam und Konformität zu erziehen. Und wenn er das für Schwachsinn hält, dann hat er natürlich wiederum meine volle Unterstützung. Ein Kapitel allerdings fehlt mir in diesem Buch dann doch. Nämlich das, das Eltern klar macht, dass sie auch nur Menschen sind. Natürlich wäre es perfekt, niemals aus der Haut zu fahren oder sofort zu einem Kind zu eilen, wenn es nachts weint, auch wenn man gerade ein Omelett brät und dabei telefoniert oder so. Manches schafft man eben einfach nicht in idealer Form. Wer 'In Liebe wachsen' liest, wird eben viel damit konfrontiert, welches Verhalten gut und fair den Kindern gegenüber ist - und die Bedürfnisse der Erwachsenen kommen manchmal für meine Begriffe ein bisschen zu kurz. Keine Frage, als Erwachsene sind wir in der stärkeren Position und sollten entsprechend auch öfter nachgeben und uns klarmachen, das die Kinder eben vieles brauchen, was sie nur von uns kriegen können. Aber ich behaupte mal, dass es derartig ideale Eltern wahrscheinlich gar nicht gibt. Danach zu streben ist aber dennoch kein ganz schlechter Gedanke, und dafür gibt Carlos González uns viele gute Möglichkeiten an die Hand. Insgesamt handelt es sich um ein schönes, optimistisches Buch, das Eltern darin bestärken kann, mit ihren Kindern liebevoll und stärkend umzugehen anstatt sie als Bedrohung zu sehen. Es gibt einem ein solides Fundament, auf das sie ihre Nerven aufstützen können, wenn es mal hart wird. Das ist mir allemal eine Empfehlung wert. /p>

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