Zu meiner großen Freude bekam ich zum Geburtstag ein Buch, das zwar seit einer Weile auf meiner Liste stand, das ich aber ein wenig aus den Augen verloren hatte, und zwar "Howl's Moving Castle" von Diana Wynne Jones. Die meisten von Euch werden jetzt vielleicht verständnislos gucken, aber manche, die sich für anspruchsvolles Kino interessieren, mögen sich vielleicht erinnern, dass da im Jahre 2004 ein gleichnamiger Film erschienen war, der in Deutschland unter "Das wandelnde Schloss" vermarktet wurde. Dieser war immerhin für den Animationsoscar nominiert gewesen, hatte sich aber gegen die starke Konkurrenz von Nick Parks Riesenkaninchen nicht durchsetzen können.
Nun bin ich leidenschaftlicher Fan der Werke des japanischen Kultregisseurs Hayao Miyazaki - für mich gibt es in der Filmindustrie kaum jemanden, der ihm auch nur ansatzweise das Wasser reichen könnte. Aber sein "Wandelndes Schloss" zählte sicherlich nicht zu seinen ganz großen Krachern. Als ich aber hörte, dass es für den Film eine Romanvorlage von 1986 gab, war mein Interesse geweckt.
Ich kann nun nicht umhin, gelegentlich ein paar Vergleiche mit dem Film anzustellen, zumal ich denke, dass es hierzulande kaum jemanden geben dürfte, der das Buch kennt, aber den Film nicht - andersherum sollten es deutlich mehr Leute sein. Und bereits nach wenigen Seiten habe ich mich verdutzt umgeguckt. Es gibt nämlich geradezu kaum Gemeinsamkeiten zwischen Film und Buch.
Die Handlung ist komplex und faszinierend. Sophie ist die älteste von drei Töchtern einer Hutmacherfamilie. Im Land Ingary, in dem sie wohnt, ist das kein gutes Schicksal, denn nur jüngste Töchter können etwas werden. Sie übernimmt immerhin den Hutladen, den sich auch sehr gut betreibt. Irgendwann allerdings reizt sie eine mächtige Hexe, die sie zur Strafe in eine alte Frau verwandelt. Sophie flüchtet aus ihrem Laden und landet unversehens im Wandelnden Schloss des bösen Zauberers Howl.
Im Schloss befindet sich außerdem noch ein junger Auszubildender namens Michael und ein Feuerdämon namens Calcifer, der das Schloss sozusagen in Gang hält. Schnell trifft Sophie mit Calcifer eine Vereinbarung: Wenn sie Calcifers Vertrag mit Howl löschen und ihn damit aus dem Schloss befreien kann, verwandelt er sie wieder in eine junge Frau zurück. Allerdings kann er nicht preisgeben, worin sein Vertrag mit Howl besteht; das muss Sophie selbst herausfinden. Howl selbst ist indes ein seltsamer Zeitgenosse. Zwar frisst er nicht, wie oft kolportiert, die Herzen junger Frauen, aber er bricht sie, und zwar reihenweise. Ein echter Schürzenjäger ist er, und auch eine von Sophies Schwestern hat er im Visier. Doch zwischen seinen amourösen Eskapaden merkt Sophie bald, dass auch Howl mit der bösen Hexe über Kreuz liegt, und so raufen sich die beiden schließlich zusammen.
Mehr will ich hier zur Handlung nicht verraten. Im Vergleich zum Film drängen sich einige Unterschiede jedoch sehr auf. Besonders auffällig fand ich den Wandel der Hintergrundgeschichte. Während im Film Howl durch die Lüfte fliegt und verzweifelt mit ansieht, wie ein erbitterter Krieg tobt, in dem er keine Partei ergreifen will, läuft er im Buch stattdessen von einer jungen Frau zur nächsten und becirct diese. Das macht ihn natürlich wesentlich menschlicher und die ganze Handlung auch einfach nachvollziehbarer. Dieses ist auch gleich der zweite markante Unterschied: Die handelnden Personen sind nicht nur wesentlich zahlreicher (was natürlich bei einer Romanvorlage im Vergleich zu ihrer Verfilmung so ungewöhnlich nicht ist), sondern auch völlig anders charakterisiert. Michael ist ein durchaus reifer junger Mann, kein kleiner Junge, die Vogelscheuche ist nicht skurril-freundlich, sondern unheimlich, Calcifer hat ganz eigene Pläne - und so weiter. Die größte Veränderung macht neben Howl aber vielleicht Sophie mit. Dazu kann ich hier nicht so viel verraten, denn das entwickelt sich erst im Laufe der Geschichte und macht viel von ihrem Reiz aus.
Sehr nett ist ferner, dass wir viel mehr über die Hintergründe der Personen erfahren. Das gilt besonders für Howl, dessen Herkunft eine faustdicke Überraschung ist, die ich sehr gelungen fand. Überhaupt schafft es die Autorin Diana Wynne Jones, immer mal wieder quasi beiläufig dafür zu sorgen, dass mir fast die Kinnlade runtergeklappt wäre. Hier und da hat das geradezu komödienhafte Züge. Sehr schön ist dabei, dass die Handlung, so abgedreht sie auch sein mag, mir jederzeit sehr nahe war. Wunderbar.
Gegen Ende eskaliert die Handlung noch mal massiv (und hebt sich von der etwas kitschigen Variante im Film erfreulich ab). Man mag der Meinung sein, dass es da ein bisschen zu viel wird, aber in einem Märchen sollte das doch erlaubt sein - und just das ist "Howl's Moving Castle": Ein Märchen, wenn auch ein einigermaßen modernes.
Die Zielgruppe sind Erwachsene ebenso wie Jugendliche, zumindest jedenfalls all diejenigen, die sich die Fähigkeit bewahrt haben, sich an ausschweifender Fantasie und wüsten Ideen zu freuen. Ich gehöre dazu und habe die Lektüre sehr genossen. Für nicht allzu kleine Kinder ist das Buch sicherlich auch geeignet, obwohl es mit seinen gut 300 Seiten eher nichts für zwischendurch ist. Ich selbst werde sicherlich bei Gelegenheit mal nach einem der anderen von Diana Wynne Jones' rund dreißig anderen Werken Ausschau halten.
P.S.: Die deutsche Übersetzung wurde mit dem Titel "Sophie im Schloss des Zauberers" verunstaltet. Autsch.
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