Freud war blind

Ich bin wahrscheinlich ein eher untypischer Irving-Leser. Mit Ausnahme der ganz passablen „Gottes Werk und Teufels Beitrag“-Verfilmung kenne ich keine Film-Umsetzung. Ich habe ihn also als Romanautoren und nicht als Drehbuchschreiberling kennen gelernt. Ferner fielen mir das Hotel New Hampshire und Garp (wohl die bekanntesten seiner Werke) erst eher spät in die Hände (ich bin ja niemand, der hohe Buchpreise als Ausrede für das Nichtlesen nutzt – Bücher sind auch gebraucht oder anderweitig billig auf dem Markt, außerdem eignen sie sich wesentlich besser zum Ausleihen als etwa eine Tasse Mehl). Das war vielleicht auch ganz gut so, denn Owen Meany war sicherlich der bessere Einstieg. Jetzt aber genug gelabert – worum geht es in „Das Hotel New Hampshire“?
Der Icherzähler John Berry wächst in den vierziger und fünfziger Jahren als mittleres von fünf Kindern im neuenglischen Niemandsland auf. Sein Vater versucht, mitten in einem bedeutungslosen Kaff ein Hotel zu betreiben, was zwar rührend, aber natürlich gänzlich hoffnungslos ist. Eine große Chance auf einen Durchbruch bietet sich, als ein im Krieg verschollen geglaubter jüdischer Freund aus Wien schreibt, wo er ein Gebäude aufgetan hat, dass er in ein Hotel umwandeln will. Für den Vater gibt es kein Halten mehr, während die Familie eher nur ein wenig neugierig ist. Und der Umzug beginnt gleich mit einer Katastrophe, bei der die Familie gründlich durcheinandergewirbelt wird.
Auch das Hotel in Wien ist nicht gerade ein Luxus-Domizil, sondern eher eine abgewrackte Absteige für Nutten und ihre Freier, einen Haufen diffuser Radikaler und vereinzelte verirrte Hotelgäste. Dennoch hält sich die Familie sieben Jahre lang in Wien, bis es auch dort zur Katastrophe kommt.
Schließlich finden sie sich wieder in den USA, und schließlich gibt es auch wieder ein neues Hotel. Und die Katastrophen werden kleiner, so dass wir uns befriedigt zurücklehnen können.
Na ja, es ist natürlich völlig müßig, die 600 Seiten dieses Buches auch nur halbwegs adäquat zusammenfassen zu wollen. Das da eben war nur ein superkurzer Abriss der Rahmenhandlung. Wer mehr als drei Seiten Irving gelesen hat, weiß, dass sich dahinter noch wesentlich mehr verbirgt. Vergewaltigung, Geschwisterliebe, Einsamkeit, Erfolgsdruck und Versagensängste sind nur einige der Themen, denen sich Irving in aller Ruhe widmet. Was ich an ihm besonders schätze, ist, dass er sich immer genug Zeit für seine Ideen nimmt – letztlich schon fast ein mutiger Schritt in einer Zeit, in der die meisten Leute in ihrem ganzen Leben keine 600 Seiten mehr lesen. Ganz, ganz langsam baut er die Beziehungen zwischen seinen Figuren auf, ohne, dass zu Beginn seiner Bücher Langeweile aufkommt. Dabei sind es nicht unbedingt spektakuläre Ereignisse, die seine Geschichten tragen, sondern das mutige Angreifen spannender Formen des menschlichen Zusammenlebens. Bisher trugen alle seine Bücher, die ich gelesen habe, gewisse autobiographische Züge – aber natürlich ist es immer schwer, die Grenzen der Realität und der Fiktion zu erkennen. Aber das muss ich ja glücklicherweise auch gar nicht.
Wie immer schreibt Irving emotionslos, fast beiläufig. Um so härter treffen die schmerzhaften Ereignisse auf die LeserInnen ein. In diesem Roman wird besonders viel gestorben, und meistens musste ich die entsprechenden Passagen mehrmals lesen, um sie überhaupt richtig mitzukriegen. Das ändert sich erst gegen Ende des Buches, als mehr Gewicht darauf verwendet wird. Und leider muss ich überhaupt sagen, dass Irving beim Hotel New Hampshire einige seiner bewährten Rezepte außer Acht gelassen hat. Während er im ersten Teil noch ein typischer Irving ist, verlässt er seine normale Schiene und wirft sich auf einige gewaltige Ereignisse, die er zwar wie immer spannend herüberbringt, die mich aber letztlich von den wirklich interessanten Handlungssträngen eher nur abgelenkt haben. Und dabei hatte ich immer das Gefühl: Ist das gerade wirklich nötig? Im letzten Viertel oder so wird er sich dann endgültig selbst untreu, indem er versucht kurzzeitige Spannungsbögen aufzubauen, die er aber gleich wieder zerstört, in dem er den Ergebnissen vorgreift. Da wird es dann gelegentlich zu viel und zu unrealistisch. Und selten habe ich ihn so berechenbar erlebt, wie in einigen Phasen des Hotels New Hampshire. Allerdings soll das jetzt auch nicht allzu hart klingen, denn das Buch ist durchaus prima. Nur am Ende wurde es mir ein wenig zu lang – und das ist wirklich nicht typisch für einen Autoren, der gern mal 600 Seiten vollschreibt, ohne, dass mir eine einzige Zeile überflüssig vorkommt.
Trotzdem kann ich es getrost weiterempfehlen. Irvings Mut, kontroverse Themen spannend und klug in Romanform zu bringen, beeindruckt wie immer. Und erfreulicherweise versucht er auch nie, kurz vor dem Ende noch die Kurve zu kriegen und die irgendwas zu vertuschen. Was er anfängt, das zieht er auch durch.
Also schränke ich meine Empfehlung ein klein wenig ein. Wer „Owen Meany“ oder „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ noch nicht kennt, soll lieber damit beginnen. Wer die bereits intus hat und immer noch gespannt auf Irving ist, kann es mit dem Hotel New Hampshire ruhig mal versuchen.


P.S.: Die Rezension war schon etwas älter - mittlerweile habe ich auch die Verfilmung gesehen, aber die taugt nun wirklich gar nichts.

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