Verzweifelte Zettelwirtschaft

"Verschiedene Stehkonvente entstanden; locker standen manche viertselbst im Raum, locker sperrten die Schulterpartien etwelche fünfte aus, es fielen die ersten stilettgleichen Rezensionen ebensolcher fünfter in die zugekehrten Rücken, gaben im Zwischenwortbereich den hingesagten Sätzen eines derart in den Rücken Gestochenen eine rätselvolle Verlängerung, daß die Sperrschultern sich allmählich ankrampften und dann seitlich gedreht werden mußten."
Als ich vor einigen Wochen erfuhr, dass Robert Schindel seinen meisterlichen Roman "Gebürtig" verfilmt hatte und dieser nun in Göttinger Kinos anstand, packte mich die Lust, die Buchvorlage mit etwa fünfjährigem Abstand noch einmal zu lesen. Eigentlich hatte ich das unmittelbar nach der ersten Lektüre schon vorgehabt, aber dann siegte der Drang, das Buch weiterzuempfehlen, und ich schenkte es meiner Schwester. Also musste ich es mir erneut kaufen, und dabei leider feststellen, dass die Verfilmung bereits die Kontrolle beim Suhrkamp-Verlag übernommen hatte: Ein eher reißerisches Titelbild hatte die dezente Gestaltung der älteren Ausgabe abgelöst, in der Buchmitte befand sich eine Sammlung von Filmfotos. Mir gefällt so etwas zwar nicht sehr, aber wenn es den Verkauf eines ausgezeichneten Buches ankurbeln sollte, bitte schön.
Die Handlung des Buches einigermaßen angemessen zusammenzufassen, ist eine ausgesprochen schwere Aufgabe. Ich will trotzdem versuchen, mich einigermaßen kurz zu fassen: Danny Demant ist ein Kabarettist, der auf künstlerische Weise mit seinem Judentum umzugehen versucht. Er hat den Krieg als Kleinkind in Frankreich überlebt und arbeitet nun in Wien, der "Welthauptstadt des Antisemitismus".
In seinem Umfeld bewegt sich Konrad Sachs, Sohn des ehemaligen Generalgouverneurs von Polen, der überzeugt ist, dass er bei einer etwas früheren Geburt ebenso ein Nazischwein geworden wäre, wie sein Vater es war, der 1946 in Nürnberg hingerichtet wurde. Er versucht, durch eine Annäherung an das Judentum mit seiner eigenen Familiengeschichte fertigzuwerden.
Schließlich gibt es da noch den erfolgreichen Schriftsteller Herrmann Gebirtig, der nach dem Krieg nach New York geflüchtet war und nicht das geringste Verlangen verspürt, jemals wieder nach Wien zurückzukehren. Doch da bittet ihn Susanne Ressel, die Tochter eines Kommunisten, der das gleiche KZ überlebt hat wie Gebirtig, doch als Zeuge in einem Naziprozess auszusagen. Ihr Vater hat nämlich zufällig einen seiner alten Peiniger ausfindig gemacht, ist dabei aber vor Aufregung gestorben. Susanne findet, sie sei es ihrem Vater schuldig, für die Verurteilung des berüchtigten "Schädelknackers" zu sorgen. Gebirtig lehnt zunächst rundheraus ab, und erst sein persönliches Interesse an der viel jüngeren Susanne stimmt ihn schließlich um. In Wien geht dann eine bemerkenswerte Wandlung in ihm vor...
Was die drei Haupthandlungsstränge eigentlich miteinander zu tun haben, ist schwer zu beschreiben. Natürlich begegnen sich die Personen hier und da, sind über gemeinsame Bekannte miteinander verbunden und so weiter. Aber wenngleich über allen der Schatten ihrer persönlichen Vergangenheit schwebt, sind sie letztlich jeweils auf sich allein gestellt und verstehen nicht einmal einander wirklich. Ihre Interessen unterscheiden sich deutlich. Wunderbar dargestellt wird das im Gespräch zwischen Susanne Ressel und Herrmann Gebirtig in New York: Gebirtig weigert sich, nach Wien mitzukommen, denn Ressels Vater war als Kommunist im Lager und hat deshalb eine ganz andere Leidenserfahrung gemacht als er als Jude. Eine übergreifende Lagersolidarität habe es nicht gegeben, und abgesehen davon sei es ein Unterschied, ob jemand wegen seiner Überzeugung in ein KZ gesteckt worden sei oder wegen seiner "Rasse". Diese Animositäten überlagern das eigentlich gemeinsame Ziel, die Verbrecher von damals zur Rechenschaft zu ziehen. Dieses Gespräch ist einer der Höhepunkte des Buches, da sich die beiden herrlich unfair behandeln und damit eine vermeintliche Solidarität der Nazi-Opfer ad absurdum führen. Dabei kommt niemand irgendwie positiv weg, und gerade solche Stellen sind wunderbar prägnant geschrieben.
Derlei Dialoge ohne Gewinner/innen kommen noch des Öfteren vor, und allein für die lohnt es sich, das Buch zu lesen. Wenn Gebirtig in Wien ist und mit Menschen, die er von vor dem Krieg kennt, redet, wird deren Verdrängungsfähigkeit offenbar - selbst wenn sie an der Oberfläche bereuen, von Hitler verführt worden zu sein. Dass inmitten der schönen Stadt Wien noch in den Achtziger Jahren (in denen die Geschichte, über mehrere Jahre hingezogen, spielt) ein Prozess gegen einen Naziverbrecher stattfindet, nimmt niemand mehr wahr oder interessiert sich gar dafür.
Sehr konsequent wird dann auch der Prozess selbst, auf den das Buch mehr als 200 Seiten lang zusteuert, absolut knapp abgehandelt, fast beiläufig. Alles andere wäre in meinen Augen auch nicht angemessen gewesen.
Überhaupt setzt Schindel immer wieder Belanglosigkeit als Stilmittel ein. Auch Naziopfer unterhalten sich halt manchmal über das Wetter oder verlieben sich. In den meisten anderen Büchern würde mich solches Blabla nerven, hier baut es eine bestimmte Atmosphäre auf, die dann später wieder über uns hereinbricht.
Sehr bemerkenswert ist dabei, dass sich bei Schindel geradezu wüst verschiedene literarische Stile abwechseln. Der Satz, den ich eingangs zitiert habe (von Seite 28) mag ein Beispiel sein für Schindels aparte Ausdrucksweise - aber das wandelt sich immer wieder. Gerade in den Dialogen ist das Buch oft extrem direkt. Das ist auch sehr wichtig, denn ein Buch, das durchgehend so geschrieben wäre wie der Satz da oben, würde ich wohl kaum bis zum Ende lesen wollen. Überhaupt wäre ich wohl über die ersten paar Seiten nicht hinausgekommen, wenn mir das Buch nicht geradezu aufgedrängt worden wäre. Aber wer die ersten achtzig Seiten durchhält, wird mit einem der interessantesten deutschsprachigen Romane des späten zwanzigsten Jahrhunderts geradezu fürstlich belohnt. Schindel schafft es zwischendurch, die Leser/innen durch scheinbar triviale Stellen einzulullen, um dann wenige Seiten später die Keule auszupacken. Klasse.
Was das Lesen allerdings in meinen Augen ein wenig erschwert, ist das ziemlich unmotivierte Glossar. In einem komplizierten Buch ist es sicherlich kein Fehler, einige schwierige Worte zu erklären. Leider ist die Auswahl in meinen Augen reichlich missraten: Wer ein solches Buch liest, wird vermutlich den Namen Josef Mengele nicht zum ersten Mal hören, und vielleicht sind auch einige der jiddischen Ausdrücke nicht so sehr schwer zu verstehen. Die ganzen österreichischen Worte hingegen blieben mir weitgehend verborgen, und bei manchen Worten war ich mir nicht mal sicher, ob sie überhaupt österreichisch waren. Was sind zum Beispiel Kalkanten? Dazu kommt, dass die Wörter, die im Glossar erklärt werden, im Text kursiv gedruckt sind. Das hemmt den Lesefluss in meinen Augen eher - wenn ich ein Wort nicht verstehe und weiß, dass es ein Glossar gibt, werde ich dort schon nachgucken, ob es drinsteht. Auch Latein wird an einer Stelle vorausgesetzt. Das habe ich dann nicht mehr komplett verstanden (ist zwar auch nur eine Stelle, aber warum wird das hinten nicht erklärt?). Und schließlich: Wenn es schon ein Glossar gibt, dann wäre ein Hinweis vorne im Buch vielleicht nicht schlecht. Vielleicht habe ich den überlesen, aber die Existenz eines Glossars habe ich erst nach vielleicht hundert Seiten bemerkt.
Letztlich aber kann auch das beste Glossar nur eine kleine Hilfestellung für die Lektüre sein. Das eigentlich Komplizierte sind nämlich nicht die Worte, sondern die Ausdrucksweise. Oben habe ich ja schon mal eine Kostprobe gegeben, allerdings eine, die auch sehr konstruiert klingt (ich gebe zu, da habe ich auch eine besonders fiese rausgesucht). Manchmal hingegen klingt Schindels Sprache trotz der ungewöhnlichen Ausdrucksweise einfach wunderschön: "Rundum umarmten sie einander schließlich, tranken Cognac, und der Abend am Eppendorfer Baum schritt fort, die vier in ihm und einverstanden." (S. 84) Sowas muss man/frau erstmal schreiben!
Schindel spielt auch ungeniert mit Grammatik und Orthographie oder wirft Zeiten durcheinander. Da wechselt er von einem Traum im Präsens zur darüberliegenden Erzählung in der Vergangenheit. Was ist da die Metaebene? Schwer zu ergründen. Oder jemand hört ein Telefon klingeln, hebt ab und hat plötzlich den Ich-Erzähler am Apparat, der gelegentlich auftaucht (und zu allem Überfluss auch mal die Identität wechselt). Der vermeintliche Zwillingsbruder von Danny ist vermutlich manchmal Schindel selbst - köstlich, dass er sich an einer Stelle als "verkopft genug" bezeichnet... In einer anderen Szene führt Konrad, der als Kind den Spitznamen "Prinz von Polen" hatte, ein Gespräch mit seiner Frau, in das sich dann der Prinz von Polen einmischt. Das musste ich allemal zweimal lesen, um es zu verstehen (und das war nicht die einzige Stelle). Kaum hatte ich es verstanden, spielt die nächste Szene in den Fünfziger Jahren - ohne auch nur einen Absatz, es verschwimmen einfach die Ebenen. Das ist eben keine leichte Bettlektüre, sondern sehr komplexe Literatur.
Bei der zweiten Lektüre habe ich mir denn auch einen Zettel danebengelegt, auf dem ich mir die wichtigsten Personen und ihre Beziehungen untereinander notiert habe. Das hat mir dann doch sehr geholfen, die Übersicht nicht zu verlieren. Aber auch damit wären mir Stellen wie der überragende Kapitelübergang auf Seite 97 fast noch entgangen. Wer denkt sich so ein Spiel zwischen Roman- und Metaebene aus? Einmalig und hier in der Kürze gar nicht zu schildern.
Selbst als Vielleser kann ich mich nicht an ein vergleichbar kompliziertes Buch erinnern, das mich dennoch so gefesselt hat. Anstatt banale Betroffenheitsliteratur auszusondern, steht Schindel mit beiden Beinen prall im Leben und treibt das verzweifelte Aneinandervorbeireden der Menschen auf die Spitze. Im Mittelpunkt steht dabei keineswegs die Nazi-Vergangenheit, sondern die Gegenwart der Opfer. Mit "Gebürtig" hat Robert Schindel ein absolutes Meisterwerk geschaffen. Ich kann allerdings nur hoffen, dass dieses Buch niemals Schullektüre wird, denn wer sich nicht lustvoll darauf einlässt, wird es in keiner Weise genießen können. Denen, die sich auch mal in etwas Komplexeres einlesen mögen, sei das Buch wärmstens empfohlen von Eurem HilkMAN
P.S.: Einige der Romanfiguren sind offensichtlich an reale Persönlichkeiten angelehnt (David Lebensart an Simon Wiesenthal, Konrad Sachs an Niclas Frank). Aber gibt es eine Vorlage für Gebirtig selbst? Hinweise nehme ich dankbar entgegen.



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