Unter den wirklich herausragenden Büchern des zwanzigsten Jahrhunderts nimmt "Catch-22" für mich eine echte Sonderstellung ein. Ich kann zwar absolut verstehen, wenn manche Leute mit diesem teilweise anstrengend zu lesenden Meisterwerk nicht recht warm werden, aber wer sich durch die ersten knapp hundert Seiten gelesen hat, kann das Buch einfach nicht mehr weglegen.
"Catch-22" spielt auf einer fiktiven italienischen Mittelmeerinsel im späteren Verlauf des zweiten Weltkriegs. Dort ist eine amerikanische Bomberstaffel stationiert, die die Bodentruppen bei der Invasion Italiens unterstützen soll. Aber da gibt es ein Problem: Auf die Flugzeuge wird bei den Einsätzen geschossen, es ist also durchaus gefährlich. Also hoffen die Männer der Staffel, bald nach Hause zu können. Dies wird ihnen für Erreichen einer bestimmten Zahl von Einsätzen in Aussicht gestellt. Zuerst sind es 25 Einsätze, aber als die ersten diese Zahl erreicht haben, wird sie eben auf 30 hochgesetzt, dann auf 35, 40 und immer so weiter. Es gibt keine Hoffnung. Während einige versuchen, still zu halten, und "die paar letzten" Einsätze noch zu überstehen hoffen, regen sich bei anderen kreativere Gedanken, dem Wahnsinn zu entkommen. So wird schon einmal ein Einsatz abgeblasen, weil der leitende Offizier morgens beim Blick auf die Karte feststellt, daß die Bodentruppen Bologna bereits eingenommen haben. Erst viel, viel später stellt sich heraus, daß in der Nacht einer in das Zelt geschlichen ist und einfach die Fähnchen, die den Frontverlauf markieren, ein wenig umgesteckt hat.
Dieser eine ist die Hauptperson Yossarian, der sich am liebsten im Lazarett aufhält und darauf achtet, möglichst nicht allzu gesund zu wirken. Er hat panische Angst vor den Flügen und tut alles, um am Boden bleiben zu können. Doch immer wieder stößt er auf Catch-22, eine geheimnisvolle Militärvorschrift, die seine Pläne zunichte macht. Seine Versuche, als verrückt entlassen zu werden, scheitern, weil Catch-22 (catch heißt hier so viel wie "Haken") vorsieht, daß jemand, der seine Entlassung beantragt, weil er verrückt ist, nicht entlassen werden kann, weil die Tatsache, daß er Angst vorm Sterben hat, beweist, daß er nicht verrückt sein kann.
Im Camp haben alle ihren eigenen Spleen, manche schlimmer, andere "normaler". Dazwischen befinden sich sadistische Generäle, die den Leuten das Leben zur Hölle machen und nur auf ihre Karriere bedacht sind, und der größte Halunke von allen, Milo Minderbinder, der aus allem noch ein Geschäft machen will, auch wenn er dafür schon mal das eigene Camp bombardieren lassen muß.
Catch-22 wimmelt von der ersten bis zur letzten Seite von schwarzem Humor. Am Anfang habe ich nur gelacht, dann war es etwas anstrengend, und schließlich blieb mir das Lachen im Halse stecken. Denn zunächst plätscherte das Buch so vor sich hin, war nur lustig, aber ich wußte nicht im Geringsten, worauf es hinaus wollte. Heller hat es verstanden, mich da einfach einzulullen. Dann taucht plötzlich die Frage auf: "Wo sind die Snowdens vom Vorjahr?" Niemand weiß, was das heißt, und es scheint belanglos. Doch in diesem Buch gibt es nichts Belangloses. Winzigkeiten, die Leute aus Jux tun, entwickeln sich Hunderte von Seiten später zu riesigen Katastrophen. Die Antwort auf die Frage, was die Snowdens vom Vorjahr denn überhaupt sein sollen, bricht plötzlich mit geballter Wucht über den/die Leser/in herein, und spätestens ab da wird der Humor beklemmend und schweißtreibend (aber immer wieder auch saukomisch). Und von den vielen Charakteren, die uns mit all ihren Spleens verhaßt oder geliebt geworden sind, sterben immer mehr, was zuerst gar nicht zu dem humorvollen Einstieg passen will.
Heller ist mit Catch-22 die wohl deutlichste Absage an den Irrsinn des Krieges gelungen, die je geschrieben wurde. Und in all diesem Getümmel steckt schließlich doch eine sehr deutliche Aufforderung zur Kreativität und zum Ungehorsam. Hellers Sprachwitz ist gewaltig (ich kenne nur das englische Original vollständig und kann das sehr empfehlen) und immer intelligent. Wer mit schwarzem Humor allgemein nichts anfangen kann, sollte um dieses Buch einen kilometerweiten Bogen machen.
Übrigens hat der 1999 verstorbene Heller mehr als dreißig Jahre nach dem Erscheinen von "Catch-22" (das 1961 erstmals herauskam) eine Fortsetzung geschrieben, die unter dem Titel Endzeit zu kriegen ist. Diese fand ich kaum überragend, wenngleich die Idee, daß die bekannten Charaktere, so sie denn noch leben, tatsächlich als alte Männer der neunziger Jahre auftreten (und die größten Schurken natürlich jetzt in den höchsten Positionen sitzen) reizvoll war. "Catch-22" aber steht als das für mich beste Buch des 20. Jahrhunderts (ich weiß, ich habe nicht alle gelesen, und es gibt auch andere, die ich toll fand) auf einem Ehrenplatz in meinem Regal (mittlerweile ist es allerdings völlig zerfleddert). Kaufen, lesen – und dem Militär in Zukunft aus dem Weg gehen.
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