Der Einbrecher im Roggen

So (und eigentlich nur so) könnte der deutsche Titel von "The Burglar in the Rye" lauten. Dieser Krimi von Lawrence Block erschien im Original im Jahre 1999. Eine deutsche Übersetzung gibt es meines Wissens noch nicht, aber über kurz oder lang ist damit wohl zu rechnen, denn es handelt sich bei den Büchern über den gewitzten Einbrecher Bernie Rhodenbarr um eine lockere Serie, von der einige der früheren Bände auch auf Deutsch vorliegen.
Leider konnte ich nicht alle der bisherigen Bände der Serie lesen, aber immerhin die ersten drei, und bei denen hatte ich das Gefühl, dass jeder besser war als der jeweils vorangegangene. "The Burglar in the Rye" (Fragt mich nicht, welcher Band der Serie das jetzt ist, aber jedenfalls einer der neuesten) setzt den Aufwärtstrend definitiv fort - mir hat er mit Abstand am besten gefallen. Und Blocks Bücher sind ja sowieso meistens klasse.
Das Rezept der Geschichten ist eigentlich immer das Gleiche. Bernie bekommt den Auftrag, irgendwo einzubrechen und etwas Besonderes zu stehlen, versucht das und findet sich in den fraglichen Räumlichkeiten statt mit den zu stehlenden Gütern mit einer Leiche konfrontiert. Die Polizei verdächtigt ihn des Mordes und Bernie hat alle Hände voll zu tun, den Mord aufzuklären, um seinen eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Während ich nach drei Bänden das Konzept fast schon ein wenig gleichförmig fand, hat sich die Lage einigermaßen realistischerweise angepasst. Die Polizei glaubt, obwohl sie Bernie am Tatort schnappen kann, nicht mehr recht daran, dass er ein Mörder sein könnte (sie kennt ihn ja einigermaßen). Das fand ich angenehm, sonst würde es für SerienleserInnen auch wahrscheinlich irgendwann etwas öde.
Für den vorliegenden Band hat Block sich allerdings ohnehin etwas Besonderes ausgedacht. Bei dem Diebesgut handelt es sich um Briefe des geheimnisvollen Schriftstellers Gulliver Fairborn, die dessen Agentin verkaufen will. Bisher existieren von Fairborn fast keine Sammel-Devotionalien, da der Autor absolut zurückgezogen unter unbekannter Adresse lebt. Seit seinem überragenden Erfolg mit dem Jugendroman "Nobody's Baby" hat er sich jedem Medienrummel verweigert, was SammlerInnen natürlich erst recht anstachelt. Die anstehende Versteigerung der persönlichen Korrespondenz schlägt entsprechende Wellen. Doch leider wird die Agentin nun eben ermordet, und die Briefe sind nicht aufzufinden. Wie üblich kann Bernie nicht alle Leuten, die bei ihm vorsprechen, davon überzeugen, dass er die begehrten Schriftstücke nicht hat. Und dann geschieht auch noch ein weiterer Mord - an einer ziemlich unangenehmen Stelle...
Nicht nur der Titel des Buches macht sonnenklar: Bei Gulliver Fairborn handelt es sich um J.D. Salinger, der mit "Der Fänger im Roggen" einen Welterfolg landete, sich aber jedem Starrummel verweigerte. Vor einigen Jahren tauchten plötzlich Geschichten über eine angebliche Beziehung zu einer sehr jungen Frau auf - und all diese Eckdaten bilden die Hintergrundgeschichte für "The Burglar in the Rye". Versehen wird das mit einer dezenten Portion liebenswürdiger Spinnereien, und wie immer haben alle Beteiligten einiges zu verbergen. Es gibt also immer wieder überraschende Wendungen Das ist unheimlich gekonnt gemacht und hat mich völlig in seinen Bann gezogen - als ein wesentliches Geheimnis um Gulliver Fairborn aufgeklärt wurde, hatte ich fast das Gefühl, das Buch könnte jetzt enden. Dass die beiden Morde noch in keiner Weise aufgeklärt waren, dämmerte mir erst allmählich wieder, als ich merkte, dass ich noch etwa hundert Seiten vor mir hatte.
Was dann noch folgte, war das übliche Motiv vieler Krimis: Der Hobby-Detektiv ruft alle Beteiligten zusammen und legt seine Erkenntnisse dar, überführt die Schuldigen und findet für alle anderen Probleme eine befriedigende oder doch zumindest interessante Lösung. In diesem Buch ist das, obwohl das Konzept ja schon ziemlich abgelutscht ist, besonders gut gelungen.
Lawrence Block ist für mich wirklich ein Phänomen. Ich habe vielleicht ungefähr acht von seinen etwa fünfzig Büchern gelesen und fand keins richtig schwach. Obwohl ich nicht von allen gleichermaßen begeistert war, würde ich jederzeit wieder bedenkenlos zu beliebigen Block-Büchern greifen. Dabei deckt Block durchaus eine beachtliche Bandbreite ab. Während die Serie um Matthew Scudder beste düstere Krimi-Unterhaltung bietet, mit grausigen Morden, hoffnungslosen Guten am Rande des Alkoholismus und so weiter, ist die Burglar-Serie um Bernie Rhodenbarr eher mit einem Augenzwinkern geschrieben, was mir normalerweise noch besser gefällt. Dazu kommt, dass Block selbst eine beachtliche Literaturkenntnis aufweist. Schon "The Burglar Who Liked to Quote Kipling" war wunderbare Spekulation um den Dschungelbuch-Autor, die sehr schön realistisch wirkte, ohne, dass ich mich selbst irgendwie mit Kipling auskennen würde. Aber wie Block mit Salinger spielt, ist einfach nur noch klasse. Wenn Ihr natürlich noch nie von "Der Fänger im Roggen" gehört haben solltet, wird euch hier einiges nicht besonders spannend erscheinen, denke ich.
Obwohl die Bücher der Burglar-Serie durchaus eigenständige Romane sind, empfehle ich, mit dem ersten Band "Burglars Can't be Choosers" zu beginnen und einigermaßen in der Reihenfolge zu bleiben. Denn die Charaktere entwickeln sich fort, und es macht einfach Spaß, die Menschen aus der Umgebung von Bernie kennen zu lernen. Ob die deutschen Übersetzungen was taugen, kann ich leider nicht beurteilen, aber wenn Ihr mit englischen Büchern nichts anfangen könnt, dann könnt Ihr die deutschen Fassungen ja durchaus mal ausprobieren.



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