Wieder mal hatten meine FreundInnen mich richtig eingeschätzt und mir zum Geburtstag die Gesamtausgabe von Jeff Smiths Kultcomic "Bone" geschenkt - eine völlige Überraschung, denn bis dahin wusste ich nicht mal, dass es überhaupt eine Gesamtausgabe gibt. Wahrscheinlich gibt es jetzt hier viele, denen das ganz und gar nichts sagt. Auch ich war nur zufällig vor einigen Jahren über einen Freund damit in Kontakt geraten, als die Serie noch in kleinen Heftchen erschien und zumindest die englische Originalversion umständlich in Comic-Läden bestellt werden musste. So war es wohl auch kein Wunder, dass ich selbst nur etwa das erste Drittel des etwa 1300 Seiten starken Gesamtwerkes kannte. Die Handlung ist natürlich sehr umfangreich, daher kann ich hier nur einen Kurzeinblick geben: Die drei Vettern Fone Bone, Smiley Bone und Phoncible P. Bone (genannt Phoney) irren durch eine Wüste, weil sie aus ihrer Heimatstadt Boneville vertrieben wurden, nachdem Phoney bei seinem Versuch, Bürgermeister zu werden, in seinen Mitteln danebengegriffen hatte. Das ist die Vorgeschichte, die sich nach und nach erschließt. Nach einer Weile verlieren sich die drei und geraten einzeln in ein unbekanntes Tal, das von Menschen, Rattenwesen und Drachen (und, wie wir später erfahren, auch noch vielen anderen Wesen) bevölkert wird. Dort geht es heiß her, denn die Rattenwesen wollen mal wieder die Herrschaft über das Tal an sich reißen, während die Menschen etwas dagegen haben. Zwischen diesen Fronten befinden sich nun die drei Bone-Vettern, die so völlig anders aussehen als alle anderen. Während die Menschen sehr detailreich gezeichnet sind, bestehen die Bones eigentlich hauptsächlich aus ein paar Kurven und einer großen Nase. Sie fallen also auf wie bunte Hunde - und bald stellt sich heraus, dass Phoney einer Art Prophezeiung zufolge mit den finsteren Plänen eines "Herrn der Heuschrecke", der die Rattenwesen kontrolliert, in Verbindung stehen soll. Fone Bone verliebt sich derweil in das schöne Mädchen Thorn, hinter dem ebenfalls mehr steckt, als es zunächst den Anschein hat. Und dann gibt es Verrat, Liebe, Krieg, Kuhrennen, Geisterkreise, Wetten, Quiche, Bienen, Kapuzen, Sterne und noch sooo viel mehr... Die drei Vettern gehen an die Situation äußerst unterschiedlich heran. Fone ist der Sensible, der die ganze Zeit sein Moby Dick-Buch mit sich herumschleppt. Er hat echtes Interesse am Wohlergehen der Talbevölkerung und ist überhaupt der Gute. Smiley ist ein Depp ersten Ranges, hat aber auch ein goldenes Herz, wie sich im Laufe der Zeit herausstellt. Phoney schließlich interessiert sich ausschließlich dafür, wie er das Tal mit möglichst viel Profit verlassen kann, um in Boneville wieder der reichste aller Bones zu werden. Diese drei Herangehensweisen kollidieren natürlich immer wieder miteinander. Nun ist keine dieser Charakterisierungen sonderlich innovativ. Solche Figuren hat es immer wieder gegeben, und doch bringt Autor Jeff Smith es fertig, die drei Bones unheimlich speziell wirken zu lassen. Das liegt vermutlich auch an dem Kunstgriff, dass die drei in der fremden Umgebung so ausgesprochen auffällig sind. Die anderen Charaktere haben mich prompt weniger begeistert, denn denen fehlt die Knuddeligkeit in der ganzen ernsten Geschichte. Trotzdem finde ich es beeindruckend, wie Smith ungeachtet der vielen Anleihen, die er hier und da tätigt, dennoch seinen eigenen Stil findet. Manchmal ist die Geschichte rundheraus konventionell, und dann passiert plötzlich doch etwas ganz Überraschendes. An Knalleffekten ist das Epos jedenfalls nicht arm, das kann ich Euch versprechen. Die Auflösung, warum etwa ausgerechnet Phoney gesucht wird... einmalig. Cool. Abgesehen von den drei Bones sind die Figuren nicht unbedingt nach meinem Geschmack gezeichnet. Ich würde das mal ganz ohne Autorität auf diesem Gebiet als Mangastil bezeichnen. Die Bilder sind alle schwarzweiß, die Gesichtsausdrücke der Menschen haben mich nicht vom Hocker gerissen. Aber dennoch hat die Geschichte immer Charme und Spannung, da kann ich über solche Fragen des persönlichen Geschmacks hinwegsehen. Ich wage gar nicht zu denken, wozu Smith in der Lage wäre (oder sein wird), wenn er sich noch ein bisschen mehr von Stereotypen befreite. Der Geschichte ist deutlich anzumerken, dass sie über mehrere Jahre hinweg entstanden ist, und wahrscheinlich zwischen der Entstehung einzelner Kapitel (die als einzelne Hefte erschienen sind) auch mal längere Pausen lagen. Manchmal scheint es regelrechte Sprünge zu geben, bei denen unwichtig erscheinende Teile der Handlung einfach ausgelassen werden. Beispielsweise sind die Figuren auf dem Weg zu einer Stadt. Das Kapitel endet, und mit dem ersten Bild des neuen Kapitels sind sie mitten im Getümmel. Bei Heftchen, die im Abstand von Monaten erscheinen, mag das auch nicht so auffallen, aber bei der Gesamtausgabe ist es doch verblüffend. Da habe ich mich manchmal gefragt, ob ich vielleicht was überlesen hätte, aber gestört hat es letztlich gar nicht. An anderen Stellen werden einzelne Szenen sehr lange ausgewalzt. Da kann es schon mal vorkommen, dass eine ganze Seite keine Sprechblasen vorhanden sind, weil eben einfach niemand was sagt und die Handlung trotzdem weitergeht. Die Stille ist in diesen Momenten geradezu greifbar. Da hat Smith eben die richtige Balance gefunden. Noch etwas, das mir auffiel, waren die gelegentlichen Tempowechsel. Hier und da hat es den Eindruck, als ob die Geschichte im Zeitlupentempo voranschreiten würde, wenn eigentlich kurze Szenen in vielen Bildern detailreich ausgeschmückt werden. Das hat etwas ganz Eigenes, das ich in anderen Comics selten beobachtet habe. Allerdings bin ich eben auch kein Experte. In manchen Fällen wirken gerade die menschlichen Charaktere dadurch ein bisschen steif. Aber ich sortiere das mal unter künstlerische Freiheit ein. Bone ist sicherlich nicht für alle was. Für mich ist das Gesamtwerk eine wahrlich runde Sache. Trotz der oben beschriebenen kleineren Schwächen ist es dank seines Ideenreichtums, der Lockerheit, mit der althergebrachte Dinge zu einer eigenen Atmosphäre verarbeitet werden, und der schlichten Liebenswürdigkeit der Hauptpersonen völlig zu Recht ein moderner Klassiker geworden. Der Preis für das fette Paperback ist natürlich nicht ohne, er liegt bei 40 Dollar (in Deutschland wohl für um die 26 Euro zu kriegen, wenn Ihr Glück habt - eine Buchpreisbindung gibt es für ausländische Bücher ja nicht). Ob eine deutsche Übersetzung geplant ist, weiß ich nicht, aber ich gehe mal davon aus. Wer sich unterdessen einen Ersteindruck verschaffen will, kann ja mal bei www.boneville.com vorbeischauen.
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