Eine alte Freundin von mir wohnt seit einigen Jahren in England. Einmal bekam ich ein Päckchen von ihr, in dem sich, ohne jede begleitende Erklärung, ein Buch befand. Zunächst dachte ich, dass es sich um ein Spielbuch oder so etwa handeln müsse, denn die Aufmachung war genau wie die eines MB-Spiels, nur, dass statt „MB“ die Buchstaben „DG“ draufstanden. Aber es ist eher ein Tatsachenbericht.
Nun fragen sich aufmerksame LeserInnen sicherlich, warum ein Autor namens Dave Gorman (gemeinsam mit seinem Freund und Mitbewohner Danny Wallace) ein Buch schreibt, das er „Are YOU Dave Gorman?“ nennt. Er ist doch offensichtlich selbst Dave Gorman. Aber er ist nicht allein auf der Welt mit diesem Namen... glaubt er.
Nun, während Danny und Dave und ein paar Kumpels sich eines Nachts in einem Londoner Pub die Kante geben, wettet Dave, dass es „jede Menge“ andere Dave Gormans gebe. Danny hält dagegen und säuft weiter, während Dave in die Nacht hinausstapft...und morgens um fünf mit einem Taxi wieder vor dem Pub steht. Die beiden fahren zum Bahnhof und von dort aus weiter nach Schottland (mit üblem Kater und nicht besonders angenehmem Mundgeruch). Sie wissen nämlich, dass es bei einem bestimmten schottischen Fußballverein in den siebziger Jahren mal einen Torhüter namens Dave Gorman gab, der nun stellvertretender Manager dort ist. Und den werden sie bei einem Fußballspiel seines Vereins ja wohl treffen können. Irgendwo bei Edinburgh fragen sie sich dann erstmals, ob der FC East Fife an diesem Samstag überhaupt ein Heimspiel hat...
Nach den ersten Erfolgen einigen sich die beiden dann darauf, dass „jede Menge“ heißt, dass sie 54 Dave Gormans („Dave Gormen“) finden und ihnen die Hände schütteln müssen. Das nächste halbe Jahr ist also verplant, denn die beiden (und viele andere Menschen um sie herum) stellen sich bei der Angelegenheit ziemlich amateurhaft an (das Wort „Google“ etwa wird auf den knapp 400 Seiten kein einziges Mal erwähnt). Aber was soll's: Der Bericht der beiden über ihre Odyssee durch acht Länder ist so lustig erzählt, dass ich ganz froh bin, dass sie es nicht schlauer angegangen sind.
Die Geschichte wird von beiden gemeinsam erzählt, wobei Daves Passagen in Fettdruck von Dannys abgehoben sind. Die beiden ergänzen einander prima, und ein guter Teil des Humors resultiert aus dem raschen Wechsel zwischen den beiden, in denen sie ihre unterschiedlichen Perspektiven auf die Erlebnisse darlegen. Noch mehr Spaß bereitet allerdings die schiere Absurdität des Unterfangens. Zwei Beispiele: Dave sucht die Nummern aller D. Gormans aus dem Londoner Telefonbuch heraus (in dem keine Vornamen verzeichnet zu sein scheinen) und telefoniert sie durch. Erst, als ihm die Stimme am anderen Ende der Leitung seltsam bekannt vorkommt, merkt er, dass er seinen eigenen Vater angerufen hat. Noch köstlicher wird es, als er an einem Vormittag 50 Dave Gormans die Bitte auf den Anrufbeantworter spricht, ihn zurückzurufen und UNBEDINGT dazuzusagen, WELCHER Dave Gorman sie sind. Nachmittags haben Dave und Danny selbst 10 Nachrichten auf ihrem AB. Die ersten neun lauten ungefähr: „Hallo Dave, hier ist Dave Gorman. Ich bin jetzt zu Hause. Ruf mich zurück.“ Kein einziger hinterlässt seine Nummer oder sonst ein relevantes Unterscheidungsmerkmal. Der zehnte Anruf stammt von Dannys Mutter, die ebenfalls um Rückruf bittet – und als einzige („für alle Fälle“) ihre Telefonnummer hinterlässt. Solche Szenen gibt es im Buch zuhauf, und mir ist es ziemlich schnuppe, ob sie bis ins Detail wahr sind – amüsant sind sie allemal.
Nun, mit der Zeit treffen die beiden mehr und mehr Dave Gormans, und von jedem wird ein Foto beim Handschlag mit Dave Gorman gemacht. Die Bilder sind in der Buchmitte zu sehen. Zu jedem werden auch ein paar Geschichtchen erzählt, so dass die Gesichter mit Leben gefüllt werden. Dabei sind die Autoren keinesfalls fair. Einige Begegnungen werden in zwei Sätzen abgehandelt, für andere nehmen sie sich mehrere Seiten. Erzählt wird, was lustig oder außergewöhnlich ist. An Skurrilität kann es mit dem schreibenden Dave ohnehin niemand aufnehmen. Da sie sich dieser Tatsache vermutlich bewusst sind, stört es kaum, wenn sie die Spleens und Schwächen anderer, namentlich genannter Personen so schonungslos schildern.
Die totale Nutzlosigkeit des Unterfangens, 54 Leute zu treffen, die Dave Gorman heißen, gepaart mit den abstrusen Ereignissen währen der Suche, der Selbstironie der Verfasser und dem humorvollen Schreibstil im Allgemeinen machen dieses Buch zu einem überaus großen Lesevergnügen (habe immer wieder laut losgelacht), das ich bedenkenlos weiterempfehlen kann. Die beiden Autoren sind keine Schreibprofis, bleiben aber vielleicht gerade dadurch immer auf dem Boden, und abgesehen davon, dass sie es sich in den Kopf gesetzt haben, 54 Dave Gormans aufzutreiben, wirken sie erfreulich normal.
Zu den negativen Begleiterscheinungen gehört die schon unverschämte Qualität der Buchbindung (bzw. -Klebung). Nach einmaliger Lektüre fallen die Fotoseiten bereits heraus. Da kann ich nur hoffen, dass das bei Goldmann besser gelöst ist. Na ja, wahrscheinlich ist es auch nicht unbedingt ein Buch zum mehrmals lesen, aber ich könnte mir immerhin vorstellen, es mal zu verleihen.
Die Moral von der Geschicht ist übrigens eindeutig nicht, dass jetzt alle losrennen sollen und Namensvettern und -basen aufzutreiben. Im Gegenteil: Während des gesamten halben Jahres treffen die beiden beispielsweise nicht auf einen einzigen Danny Wallace. Und das ist auch nicht weiter schlimm. Vielmehr ist es eine Geschichte über Freundschaft, Hartnäckigkeit, Humor und Treue. Und sie macht eben einfach Spaß.
Die Freundin, die es mir geschenkt hat, hat sich mittlerweile übrigens zum tieferen Sinn dieses Geschenks geäußert. Sie möchte Verständnis heischen für ihr Schicksal, unter derartig exzentrischen Menschen zu hausen. Das ist ihr allemal gelungen.
P.S.: Unabhängig von der Lektüre dieses Buches streute neulich mal jemand das Gerücht, die Zahl unten rechts auf dem Personalausweis drücke die Zahl der Personen in Deutschland aus, die den gleichen Namen tragen. Das ist natürlich Unsinn, wie nicht nur ein Blick auf meinen Perser zeigt.
Englische Ausgabe:
Deutsch (nur noch gebraucht erhältlich):
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